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2 (1913) Krieg und Kapitalismus
Entstehung
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22 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere

weil das Aufgebotsheer sicher zu allen Zeiten einen Bestand-teil des modernen Heeres gebildet hat.

Ebensowenig aber kann man den Anfang des modernenHeeres mit den Anfängen des stehenden Heeres zusammen-fallen lassen. Denn auch diestehenden Heere reichenviel weiter zurück, als man das moderne Heer zurückrechnenkann.

Auch wenn man das ganze Ritterheer keinstehendesHeer nennen will, obwohl man es genau so bezeichnen müßte:denn es warstehend, das heißt dauernd zur Verfügung desKönigs, wenn auch nur in potentia und absentia, so unter-liegt es doch keinem Zweifel, daß die seit jeher vorhandeneScara der Fürsten alle Merkmale, die man einem stehendenHeere überhaupt beilegen kann, erfüllt: es war eine Krieger-schar, die den Fürsten umgab, ihm jederzeit zur Verfügungstand und nie verschwand: der miles perpetuus. Diese per-sönliche Schutztruppe, dieLeibwache, finden wir [denn auchin den modernen Staaten seit ihren Anfängen wieder: dieitalienischen Tyrannen halten sie ebenso wie die französischenund englischen Könige oder die deutschen Fürsten: es sinddie gens darmes, die men-at-arms 88 , dieTrabanten 89 .

Ist es etwa die königliche Kommandogewalt, diedas moderne Heer charakterisiert und von dem mittelalterlichenunterscheidet? Wollte man das annehmen, so müßte manabermals bis tief ins Mittelalter zurückgehen, um auf dieAnfänge des modernen Heeres zu stoßen. Denn wenigstensin Frankreich steht das königliche Heer seit der Lehnszeitunter dem einheitlichen Befehl des Connötable, dem seit 1349der Capitaine gönöral zur Seite gestellt ist, und die obersteLeitung der Kriegsmaschinen und (naclrEinfülirung der Kanonen)des groben Geschützes obliegt daselbst seit 1274 dem GrandMaitre des Arbalötiers, einem königlichen Beamten.

Oder soll man die Waffentechnik für die Umwandlungdes mittelalterlichen Heeres in das moderne Heer verantwort-