I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 28
lieh machen, wie es manche für richtig halten? Das hießeebenfalls den Tatsachen Gewalt antun. Mit der Einführung derFeuerwaffen beginnt ganz gewiß keine neue Epoche des Heer-wesens : denn kein Mensch wird die Heere, die bei Crecy fochten,wo schon Feuerwaffen in Gebrauch waren, für moderne Heerehalten, und anderseits wird niemand den Armeen, die gegenEnde des 17. Jahrhunderts zum Teil noch mit der Pike fochten,den Charakter als „moderne“ Heere absprechen mögen.
Also scheint es wirklich, als ließe sich von keiner Seiteher die Heeresgeschichte in eine mittelalterliche und eine neu-zeitliche Epoche abgrenzen? Aber wir empfinden doch wiederganz deutlich, daß die Heere, wie sie am Anfang des 18. Jahr-hunderts uns entgegentreten, grundsätzlich sich unterscheidenvon den Heeren noch des 15. Jahrhunderts, müssen alsoauch annehmen, daß sich in der Zeit von 1500 bis 1700 (umden Zeitraum ganz weit abzugrenzen) wesentliche Verände-rungen in der Heeresorganisation vollzogen haben. Es wirdhier wie so oft sich der Widerspruch dadurch lösen lassen,daß man verzichtet, ein bestimmtes Ereignis als das ent-scheidende herauszugreifeu und also von dem Eintritt diesesEreignisses an die grundsätzliche Neugestaltung zu rechnen.Das moderne Heer hat ebensowenig wie der moderne Staatoder der moderne Kapitalismus ein bestimmtes Geburtsjahr.Ja, seine Entstehung setzt nicht einmal mit Notwendigkeitdas Anheben einer ganz neuen Entwicklungsreihe voraus:alte Einrichtungen können sich langsam gewandelt, alte Sittenund Gebräuche unmerklich erneuert, nebeneinander herlaufendeStröme können sich vereinigt haben, bis endlich durch schritt-weise und stückweise Umbildung die neue Form zustandegekommen war, die wir nun in ihrer Gänze deutlich alsetwas Grundverschiedenes von der früheren empfinden, unddie wir beide natürlich auch, wenn wir sie in ihrer Reinheitbegrifflich erfassen wollen, mit aller erdenklichen Schärfevoneinander abheben müssen: so sehr wir uns bewußt sind,