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Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere
Mag man nun annehmen, daß die militärische Disziplinaus puritanischem Geiste geboren oder durch puritanischeIdeen gefördert sei, oder daß sie ihre eigene Entstehungs-ursache in den neugeschaffenen Verhältnissen habe: daran istnicht zu zweifeln, daß bei der Durchdringung des Lebens mitdem neuen Geiste die Armee die größere Arbeit geleistethat. Dafür sorgte der Exerzierplatz, auf dem in müh-seligem, hartem, jahrelangem Kampfe der alte, triebhafteMensch zur Strecke gebracht wurde.
Das ist ja die entscheidende Wandlung, die das Heer-wesen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert erfährt: daß in dieserZeit der freie Söldner zum einexerzierten, dressierten Parade-soldaten wird, hinter dem der Korporalstock steht. Häufungder Exerzierpflichten, strenge Disziplin, Drill sind das Kenn-zeichen der neuen Zeit. Und diese Arbeit konnte für denKapitalismus, der ganz dieselben Menschen brauchte, nichtverloren sein. Es ist gar nicht nötig, anzunehmen, daßdieselben Leute, die auf dem Exerzierplatz eingeübt waren,nun in der Fabrik die neue Kunst des Sichunterordnens ver-wertet hätten: schon das Beispiel, das die Armee gab, wirkte,und der Geist, der in ihr herrschte, pflanzte sich doch wohlauch in der übrigen Bevölkerung fort, wurde in den Familiengepflegt und überliefert, so daß er schließlich im Wirtschafts-leben wieder lebendig werden konnte. Daß nicht etwa dasWirtschaftsleben sich in der militärischen Disziplin wider-gespiegelt hat, wie ein altgläubiger Vertreter der materialisti-schen Geschichtsauffassung üblicherweise schlußfolgert, so-bald er von solchen Parallelerscheinungen, wie ich sie hiereben aufgedeckt habe, erfährt, ergibt die zeitliche Aufeinander-folge der beiden Phänomene.
Auf alle Fälle scheint mir so viel sicher, daß hier einfür die Genesis der gesamten modernen Kultur und insonder-heit der wirtschaftlichen Kultur sehr bedeutsames Problem