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Sechstes Kapitel: Der Schifibau
der Trieb zur Beschleunigung im Bereiche des Wirtschaft-lichen selber nie erwacht. Er mußte durch eine Reizung vonaußen her erst zur Betätigung gebracht werden. Eine solcheReizung ging, wie wir schon in zahlreichen Fällen feststellenkonnten, von den kriegerischen Interessen aus.
Das gilt in hervorragendem Sinne wiederum für die Ent-wicklung des Schiffbaus. Langsames, dumpfes Dahinbrüten, be-queme traditionalistische Alltäglichkeit, bis die Anforderungender Kriegsmarine Leben in das Getriebe bringen. Man ermesse,welch ein wahnwitziger Gedanke es für das Gefühl einesmittelalterlichen Reeders gewesen wäre: den Bestand derHandelsflotte innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte etwazu verdoppeln. Wozu? Es wäre ja auch ganz sinnlos ge-wesen; denn woher hätte die doppelte Menge Ladung kommensollen? Das kriegerische Interesse dagegen drängte immer-fort auf Vergrößerung der Streitmacht und auf rascheVergrößerung, um dem Feinde zuvorzukommen.
Um zu erkennen, wie hastig und oft sprunghaft derSchiffbau sich entwickelte, seit die Erbauung von Kriegs-schiffen seine Hauptaufgabe wurde, genügt es, sich die Ziffernvor Augen zu führen, in denen sich die Vermehrung desBestandes der Kriegsflotten ausdrückt. Ich habe sie bereitsmitgeteilt und verweise den Leser darauf. Zur Belebungdes Bildes führe ich noch ein paar besonders markante Bei-spiele aus der Schiff'baugeschichte an, an denen sich das fürjene Zeiten unerhörte Tempo der Herstellung erkennen läßt.
Im Jahre 1172 unter dem Doganat Vital Micheles II.sollen in Venedig 100 Galeeren und 20 große Schiffe in100 Tagen erbaut sein 884 . Das ist natürlich Unsinn undChronistenphantasterei. Es werden 10 Galeeren und 2 großeSchiffe gewesen sein.
Aber was uns jene Überlieferung lehrt, ist: 1. die zweifel-los richtige Tatsache, daß die Venetianische Regierung insehr kurzer Zeit eine große Menge Schiffe herstellen ließ,