Die neueren Ansichten über Moralstatistik.
kenntnis verschließen, daß überall in der Welt die unerbittlichste Kausal-verknüpfung herrscht. Heutzutage zeigt sich der Wille des einzelnenals eine Erscheinung, die höchstens für ihn selbst von einiger Wichtig-keit sein kann; fürs Große und Ganze aber kommt sie nicht in Betracht.Denn die Regelmäßigkeiten, welche von der Statistik entdeckt sind, be-weisen, daß in den Handlungen der Gesellschaft große und allgemeineGesetze sich verwirklichen, denen gegenüber das Wollen des einzelnennur als kleine Störung erscheint, und zwar als unwirksame Störung;denn „bekanntlich“ heben ja die verschieden gerichteten Wollungen ein-ander auf. Man pflege nur die Moralstatistik weiter, so wird sie unsschneller von der Bürde aller unwürdigen Vorurteile befreien, .als allePhilosophie. — So ungefähr die Ansicht Buckles. Es war ihm nur ge-glückt, in Worte zu fassen, was auf allen Lippen schwebte, und sofand seine Lehre ein Echo in allen Zeitschriften, großen und kleinen,bis sie von dem Losungswort des Darwinismus übertönt wurde.
Kaum hatte der Engländer, falsch genug, die Tragweite der belgischenEntdeckungen angepriesen, so trat in Deutschland A. Wagner auf, umuns die modischen Lehren des vulgären Queteletismus in unserer Mutter-sprache nochmals vorzuführen. Er schildert die Gesetzmäßigkeit derscheinbar willkürlichen Handlungen so, als wenn in unseren Staatenjährlich eine gegebene Anzahl von Leuten ausgelost würde, nicht otwaum Kriegsdienste zu leisten, sondern um Ehen zu schließen oder umVerbrechen zu begehen, mit solcher Regelmäßigkeit und „folglich“ sounabhängig vom Willen vollziehe sich alles. Wie man diese Gleich-mäßigkeit vereinigen wolle mit der menschlichen Freiheit, das läßtWagner im Ungewissen und erwirbt sich wohl hauptsächlich das Ver-dienst, unter den deutschen Nationalökonomen am frühesten hierherseinen Blick gerichtet zu haben. Andere Schriftsteller gehen viel weiter,sie betrachten den Verbrecher bereits als das schuldlose Opfer der Ge-sellschaft und besinnen sich, ob man nicht den .Zuchthäusern die Über-schrift Invalidenhötel geben solle.
Hiermit war denn die Moralstatistik auf der Höhe der Übertreibungangelangt. Die Theologen sahen mit Bestürzung, wie die schroffstenGegensätze ihrer eigenen Anschauungen bereits unter den Gebildeten alsetwas beinahe Selbstverständliches erörtert wurden. Die Philosophen be-merkten mit Bedauern, wie sehr das Bedürfnis des schärferen Denkensverschwunden sei vor der Empfänglichkeit für die sogenannte Evidenzder Tatsachen. Die Statistiker von Fach begannen, bei dem übertriebenen