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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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I. Statistik.

Lob ihrer Sache sich unbehaglich zu fühlen, weil sie die Unzulänglich-keit der Technik wohl kannten: und so trat nach Verlauf einer kurzenZeit ein starker Rückschlag ein, der sich zunächst in einem sehr skep-tischen Verhalten gegen die Moralstatistik kundgab. Die Statistik sodachten die Fachleute ist doch eigentlich nur ein eigentümlichesVerfahren, vermittelst dessen man bei sehr verwickelten Erscheinungeneinzelne Ursachen aus dem großen Komplex der Ursachen isoliert unddie Wirkung derselben mißt; wenn nun jene Schule gefunden haben will,daß die menschlichen Handlungen unabhängig vom Willen sind, so darfman wohl fragen, ob hierbei das Werkzeug der Untersuchung, nämlichdie Statistik, mit dem nötigen Verständnis angewendet gewesen sei. DiePhilosophen andererseits hatten sich den Menschen bisher vorgestelltals ein Wesen, welches zwar nicht außerhalb der allgemeinen Kausal-verknüpfung steht, und welches also auch nicht zufällig handle, sondernaus zureichenden Gründen oder, mit anderen Worten, aus Notwendig-keit; aber sie hatten sich diese Notwendigkeit gedacht, als sei sie durchMotive, die auf den Willen wirken, vermittelt, das heißt, als komme siedurch innere Vorgänge zustande. Diese innere Bestimmtheit des Willenskonnte man noch immer Freiheit nennen, im Gegensatz gegen den stetsvon außen erfolgenden Zwang. Der äußere Zwang aber war es gerade,was jene statistische Schule deutlich genug andeutete: und es verlohntesich also auch für die Philosophen, einmal nachzusehen, wie es mit denBeweiskünsten jener Schule beschaffen sei.

Aus der so entstandenen Reaktion gingen die neueren Ansichten überMoralstatislik hervor, welche den Gegenstand dieses Vortrags bilden.Möchte es mir zu zeigen gelingen, daß hierbei nicht etwa an das leiohtrührbare Gemüt Berufung eingelegt wurde, um den Vei'lust kostbarerGüter zu verhüten; es war vielmehr eine sehr verstandesmäßige Prüfung,ob die ältere Auffassung allen Tatsachen und allen Schlußfolgerungendaraus Genüge leiste oder nicht, und diese Prüfung hat dieselbe nichtbestanden.

Wie bei jedem ehrlichen Streit, verständigte man sich zunächst überdas, was von beiden Seiten forlfährt, anerkannt zu werden, und begrenzteso aufs genaueste den Kampfplatz.

Vor allem stimmen beide Schulen, die ältere und die neuere, in derAnerkennung der Tatsachen überein. Man kennt zwar die Mängel allerstatistischen Erhebungen, aber keine der beiden Schulen behauptet, daß