Die neueren Ansichten über Moralstatistik. 7
ihre Gegnerin auf unsicheres Material ihre richtigen Schlüsse baue: dieWaffen sind verglichen und gleich befunden.
Es herrscht ferner auch darin Einigkeit, daß gegenüber der sehrgroßen Regelmäßigkeit in der Anzahl der jährlich geschehenden Hand-lungen nicht mehr länger an Willensfreiheit geglaubt werden kann,wenn man unter einem freien Willen einen motivlosen Willen versteht.Wenn man die Handlungen auffaßl als Produkte des durch nichts be-stimmten, sich selber bewegenden Wollcns, so daß also die Handlungenaus allem Kausalzusammenhang isoliert wären, dann beweist die Statistikexperimentell, daß diese Auffassung falsch ist; denn bei solcher Be-schaffenheit des Willens bleibt die regelmäßige Wiederkehr einer fastgleichen Zahl von Handlungen in gleichen Zeiträumen ganz unverständ-lich. Eine absolute Willkür, eine Willensfreiheit im vulgären Sinne, istalso von beiden Schulen aufgegeben. Aber wenn die ältere, französischeSchule meint, hierdurch hätten die Waffen des Realismus eine wichtigePosition gewonnen, die das Lager der spekulativen Philosophie be-herrsche, so zeigt das nur, daß man die strategische Aufstellung desGegners nicht kannte; denn dieser Begriff der Willensfreiheit war, wennjemals angenommen, doch sicher längst verlassen: die experimentelleWiderlegung kam um ein Jahrhundert zu spät.
Von hier an trennen sich nun die beiden Schulen in den Schlußfolge-rungen aus den Tatsachen.
Die französische Schule, fortwährend an die astronomische Be-schäftigung ihres Gründers mahnend, sieht in dem Menschen, da ihmjene Willensfreiheit fehle, fortan nur noch ein Wesen, welches demZwang irgendwelcher außerhalb stehender Gesetze unterworfen ist, undwelches dabei die merkwürdige Gabe besitzt, sich dessen bewußt zusein, was mit ihm vorgeht, und sich törichterweise dafür verantwortlichzu fühlen. Ein Teil der Anhänger leugnet so alle selbständige Betätigungder einzelnen; ein anderer Teil will für die menschliche Freiheit nochein kleines Feld der Wirksamkeit offen lassen, so jedoch, daß dadurchhöchstens kleine Unebenheiten, wie etwa durch Beobachtungsfehler,hervorgebracht werden. Der handelnde Mensch ist also entweder ganzdem fallenden Stein vergleichbar, oder er gleicht einem an die Kettegelegten Hund, dem mit mathematischer Unerbittlichkeit der Ort vor-geschrieben ist, auf welchem er frei umherspringen darf.
Die deutsche Schule, an deren Spitze Drobisch steht durch die kleine,gehaltvolle Schrift aus dein Jahre 1867, hält diese Auffassung der