Die neueren Ansichten über Moralstatistik.
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worin das Aufsehen Erregende der bucldischen Schule zum größten Teilenthalten war, spinnt sich alles viel geräuschloser ab, wenn man sichmit Drobisch den Menschen als ein Wesen vorstellt, dessen Ent-schließungen nicht auf dem rätselhaften Weg des äußeren Zwanges,sondern auf dem Weg der inneren Motivierung zustande kommen. DieAnzahl der in einer Bevölkerung innerhalb eines gegebenen Zeitraumesbeobachteten Handlungen ist dann nicht anzusehen als unabhängig vonden Wollungen der einzelnen handelnden Personen, sondern sie ist ein-fach die Summe, also die Folge der in jedem Einzelfalle motiviert voll-zogenen Geschehnisse. Die Behauptung Buckles, daß der Entschluß desIndividuums für das Ganze nichts bedeute; und die Auffassung Quete-lels, als sei der Wille des einzelnen nur eine Störung in der Wirksamkeiteines Gesetzes, welches seinem Wesen nach nicht Wille sei, sind dahernur Mißverständnisse der einfachen Wahrheit, daß der einzelne einendesto kleineren Teil ausmacht, je mehr man ihrer zusammennimmt.
Daß aber auf gegebenem Gebiet die Zahl der in gleichen Zeit-räumen eintretenden Handlungen sich so wenig ändert, kommt daher,daß die Menschen einander sehr ähnlich sind in bezug auf die Motive,durch welche sie bewegt werden, und daß auch die Verhältnisse, welcheden Menschen umgeben, und aus denen die meisten Motive stammen, inbeiden Zeiträumen sich sehr gleich sehen. Bei dieser viel natürlicherenAnnahme erklären sich die kleinen doch vorkommenden Schwankungenganz von selbst, und es erklärt sich ferner, weshalb die verglichenenZeiträume nicht allzuweit voneinander entfernt liegen dürfen.
Die beiden Schulen unterscheiden sich also wesentlich durch dieBichlung, in welcher die Erklärung fortschreitet: die Schule Buckleserklärt von außen nach innen, sie sieht die Stetigkeit des Ganzen und be-schränkt daher den einzelnen; die deutsche Schule erklärt von innennach außen: sie nimmt den einzelnen wie er ist und sucht nach Gründenfür die Stetigkeit des Ganzen. Wobei es unbillig wäre, zu leugnen, daßsich auch bei den Franzosen, besonders bei Quetelet , viele Ansätze zuder letzteren weit natürlicheren Auffassung finden.
Die Konsequenzen der beiden widerstreitenden Ansichten sind nichtganz unerheblich. Behält die ältere Schule mit ihrer äußeren Gesetz-mäßigkeit recht, dann ist nicht bloß ein bisher bestandener Begriff derWillensfreiheit experimentell widerlegt, sondern die menschliche Frei-heit überhaupt ist gefallen, wir sind „des Meeres blindbewegte Wellen“,und die Begriffe der Schuld und der Verantwortlichkeit verlieren noch