Druckschrift 
Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
Seite
10
Einzelbild herunterladen
 

10

I. Statistik.

den Rest von Geltung, der ihnen etwa geblieben sein sollte. Die Ge-fängnisse werden geöffnet, den Insassen derselben wird freigestellt, obsie als Pfleglinge weiter darin wohnen wollen, und mit vielen Entschuldi-gungen bietet man ihnen eine Schadloshaltung an für das Mißverständ-nis, sie als Sträflinge behandelt zu haben. So steht die Sache, wenndurch äußeres Gesetz budgetmäßig sowohl die Zahl der Verbrechen, alsdie Wahl der Verbrecher geregelt ist. In dem Fall, daß aber bloß dieZahl der Verbrecher äußerlich gegeben wäre, während es noch einiger-maßen in der Gewalt des Individuums liegt, oh es zu den Engeln des'Lichts oder zu denen der Finsternis gehören wolle: dann wird es voneiner indifferenten Handlung ohne weiteres zum Verdienst, ein Ver-brechen zu begehen; denn nur durch das freiwillige Vortreten einigerTapferer vor die Front wird es den übrigen möglich, ihr Leben un-behelligt durch Karls V. peinliche Halsordnung zu verbringen.

Sind aber die neueren deutschen Schriftsteller im Recht, dann ent-scheidet die Statistik in der Frage der menschlichen Freiheit weder fürnoch wider, sie überläßt dies Gebiet nach wie vor der Philosophie undbegnügt sich mit einigen geringeren praktischen Dienstleistungen, dieimmerhin mit einigem Dank entgegen genommen werden.

Die Moralslatistik ist bei diesem Streit in der Lage einer Spielerin,welche je nach dem Ausfall des nächsten Wurfes entweder die Banksprengt, oder als Bettlerin den Saal verläßt. Doch ehe die verhängnisvolleKugel rollt, tritt ein Freund an sie heran und rät ihr, den Einsatz zurück-zuziehen und mit dem kleinen Kapital ein ehrliches Gewerbe anzu-fangen.

In der Tat, dann wäre die Kritik der Deutschen zu weit gegangen.Man wollte die übertriebenen Ansprüche zurückweisen, man wollte gegendie herkömmlichen Schulbegriffe der Statistiker, die so jugendlich un-gestüm waren, die reife Denkerfahrung älterer Wissenschaften zur Gel-tung bringen, und gerade die Fachleute konnten nur dafür dankbar sein,daß Drobisch mit unnachsichllicher Milde auf die Seichtheit der bisherüblichen Beweisführung hinwies. Aber inan erhielt zugleich den Ein-druck, als sei die Moralstatistik, ihrer früheren Ziele beraubt, zu einemzwar möglichen aber völlig sinnlosen Kunststück herabgesunken. Wennder einzelne Mensch ein freies Wesen ist und jeder für sich mit seinenEigentümlichkeiten unabhängig dasteht, so lassen sich die Äußerungenseiner Individualität wohl mit dem Ticktack einer Uhr vergleichen; unddie Handlungen, die in einer Bevölkerung sich vollziehen, würden dann,