Die neueren Ansichten über Moralstatistik.
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im großen und ganzen auf einmal betrachtet, dun Geräusch vergleich-bar sein, welches man beim Eintreten in einen Uhrmacherladen ver-nimmt. Die Moralstatistik aber, welche die Handlungen aufzeichnet undgesammelt zur Darstellung bringt, entspräche etwa dem Versuch, dasGeräusch in einem bestimmten Uhrmacherladen in einem gegebenenZeitraum wissenschaftlich zu fixieren, wogegen sich weiter nichts ein-wenden ließe, als die vernichtende Frage: wozu? Gesetzt, es verhieltesich so, dann hätte die Moralstatislik aufgehört eine Disziplin zu sein;sie wäre bei Gelegenheit der großen deutschen politischen Umwälzunggleichfalls depossedierl worden und könnte höchstens, solange als dieBeschädigten noch lebten, durch ohnmächtige Proteste einige Aufmerk-samkeit auf sich ziehen.
Unerklärlich bliebe dann freilich, woher die Teilnahme stammt,welche beim unbefangensten Publikum von jeher diesem Gegenständesicher war. Ohne die Philosophie des Unbewußten hier anwenden zuwollen, liegt doch die Vermutung nahe, daß irgendwelche Dienste höhererArt für die Wissenschaft geleistet werden können. Die Leerheit und dieZiellosigkeit, zu der man im Kampf gegen den Mechanismus gelangtwar, ist vielleicht weniger ein Anzeichen dafür, daß man ganz außerhalballer wissenschaftlicher Strömung liegt, als dafür, daß die Strömungihre Richtung wechselt. Der ganze Inhalt der Disziplin ist verloren ge-gangen, nur die Form besteht noch: sie mag wohl im Begriff sein, sichmit neuem Inhalt zu füllen.
Drobisch selbst hatte zugeslanden, daß die Moralstatislik zwar keiner-lei äußere Vorbestimmlheit der Handlungen beweise, aber doch in philo-sophischen Gemülern einen Stachel des Zweifels zurücklasse. Die Fesselnastronomischer Analogien waren abgestreifl; aber wenn wir den mensch-lichen Willen durch Motive innerlich bestimmt sein lassen; und zwardurch Motive, die aus der Umgebung des einzelnen entnommen sind;und zwar aus einer Umgebung, in welche das Individuum durch dasFatum seiner Geburt geworfen wird: so ergibt sich daraus, statt eineräußeren Gesetzmäßigkeit des Zwanges, vielleicht eine Art von innererGesetzmäßigkeit der Entwicklung, und so wäre man bloß auf einemUmweg doch wieder zur Anerkennung einer gewissen Gebundenheit, zueiner starken Beschränkung der Sphäre der Freiheit genötigt. Und wennauch unsere tägliche Erfahrung genug Material liefert, um das Bilddieser allgemeinen Verflochtenheit in der Phantasie auszumalen, so wärevielleicht die Moralstatislik doch ein ganz willkommenes Hilfsmittel,