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I. Statistik.
welches die qualitative Beschreibung quantitativ ergänzt, welches erlaubtdie Wirksamkeit einzelner Umstände exakter gegeneinander abzuwägen,und welches jedenfalls jene feste realistische Grundlage abgibt, die inkeiner Wissenschaft zu verachten ist. Dann könnte man sie als Werk-zeug benützen, um zu untersuchen, in welcher Weise und in welchemGrade die Freiheit des Individuums durch die Zugehörigkeit zur Ge-sellschaft beschränkt ist, und die Disziplin, welche noch eben an derBerechtigung der eigenen Existenz gezweifelt hatte, gewänne so wiederneue Ziele und neuen Mut.
In diesem Sinne erfuhr die Moralstatistik eine Anfrischung durchdas umfassende Werk des Dorpater Theologen Oettingen, welches inden Jahren 1868 und 1869 erschien und worin fast das ganze Materialvon den neuen Gesichtspunkten aus beleuchtet ist. Es mochten wohlhauptsächlich apologetische Bedürfnisse sein, die den Verfasser zu einerso weitläufigen und schwierigen Arbeit bewogen; auch bekennt er sofreimütig seine Stellung innerhalb der christlichen und kirchlichen Welt-anschauung, daß es nicht erst nötig ist, die Stellen hervorzusuchen, wobiblischen Vorstellungen mehr als billig Baum gegeben wird. Aber eswäre gewiß sehr ungerecht, deshalb dem so bedeutenden Werk mitAchselzucken die tendenziöse Färbung vorzuwerfen oder es kurzerhandabzuweisen. Die früheren Werke waren in ihrem Sinn nicht wenigertendenziös, und es fragt sich, ob nicht gerade bei bedeutenderen Lei-stungen irgendeine Tendenz notwendig mit einwirkt. Sehen wir stattdessen auf die Aufrichtigkeit, wofür allein der Schriftsteller in Anspruchgenommen werden darf, so steht Oettingen hinter keinem seiner Vor-gänger zurück und überlriffl sogar manchen.
Seine höchst fruchtbare Auffassung der Moralslätislik würde manzu eng definieren, wenn man sie bloß als Auflehnung gegen die materia-listisch-mechanische Betrachtungsweise Quetelets bezeichnete. Freilichist ihm der Gedanke, daß alle menschlichen Handlungen in naturgesetz-licher Weise vorherbestimmt seien, ein Greuel, und er weist es weit vonsich, die Persönlichkeit ganz zum Produkt ihrer Umgebung zu machenund so alle Freiheit zu vertilgen. Von dieser nach physikalischen Ana-logien zugerichlelen Auffassung sagt er mit Recht, sie stelle sich diemenschliche Gesellschaft mit allen ihren Einrichtungen im günstigstenFall wie ein unbewußtes Gewächs, wie eine Pflanze vor, an der die Indi-viduen wie einzelne Blätter auftreten, grünen und dann wieder abfallen,um den Boden der Geschichte zu düngen. Ganz unverständlich bleibe