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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Die neueren Ansichten über Moralstatistik.

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diesen Sozialphysikern, daß gerade die bedeutsamsten Institute der Ge-sellschaft, wie Staat und Kirche, nicht Maschinen sind um Lasten zu,bewegen, sondern Einrichtungen von gebietender Art, welche zwecklosund sinnlos werden, wenn der Mensch nicht als ein Wollenkönnender,in irgendwelchem Grade freier erscheint.

Aber Oettingen geht noch weiter; er wendet sich auch gegen die-jenigen, welche den Menschen zwar als persönlich frei auffassen, aberdas Individuum lostrennen aus allem Zusammenhang mit der Gemein-schaft. Er nennt diese Richtung die der Atomisten und versetzt in diesenKreis der Hölle die nationalökonomische Schule des Manchestertums.Für den Atomisten ist die Gesellschaft ein Haufe von Individuen, diehöchstens zufällig einmal gelegentlich aufeinander wirken; er glaubtan den Contrat social, er kennt nur die Triebfeder des Egoismus. DemVerbrecher gegenüber hat der Atomist die Empfindungen des dankbarenPharisäers; dem Proletarier gegenüber die des Bessergekleideten, under ruft ihm zu: Weshalb bist du nicht früher verhungert, dann wärefür den kleineren Rest deiner Genossen ein höherer Arbeitslohn möglich.Alle Schriftsteller dieser Art haben von jeher die Statistik gehaßt, undOettingen erkennt am besten den Grund des kühlen Verhaltens; denn dieMoralstatislik, indem sie auf den gleichmäßig fortfressenden Schadender Massenarmut und auf die ununterbrochene Kette der Kriminalitäthindeutet, macht es auch dem Blindesten klar, daß hier keine zufälligenEinzelfälle, sondern Schäden und Übelslände am Körper der Gesamtheitvorliegen, von welcher Gesamtheit kein einzelnes gesundes Glied sich alsisoliert betrachten darf.

Aus dem Widerspruch gegen andere Richtungen ergibt sich schon,was Oettingen selber will. Er will nicht verzichten auf die reiche Fülle dernatürlichen Lebensanschauung beim Eintritt in das Gebiet der Wissen-schaft. Ihm genügt es nicht, einige dürftige Gedanken, die nur ausBüchern stammen und nur in Büchern stehen, durch einige Ziffern zuillustrieren. Der Mensch ist ihm ein freies, verantwortliches Wesen, dasaber nicht als unabhängige Monade im Weltraum schwebt, sondern dasdurch tausenderlei faktische und rechtliche Beziehungen in den Korallen-stock der menschlichen Gesellschaft eingefügt ist. In diesem Sinne ver-langt er, daß man die Gesellschaft betrachte; an die Stelle einer Sozial-physik verlangt er eine Sozialethik. Die Sozialethik aber soll auf empiri-scher Grundlage ruhen, und das kann sie nur durch Beihilfe der Moral-