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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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I. Statistik.

Statistik. Dies ist der neue bescheidenere Lebenszweck, den Oettingen unserer ratlos gewordenen Disziplin empfiehlt.

Sie soll also in Zukunft aufhören, durch ihr anekdotenhaftes Wesenunterhalten zu wollen; sie ist nicht dazu da, um mit ihrem Material zu be-weisen, daß das weibliche Geschlecht kein Freund von Schießwalfenist; denn wir brauchen sie ja auch nicht, um zu erfahren, ob der meisteTabak von Herren oder von Damen geraucht wird. Wenn sie ihr An-sehen wieder gewinnen will, so muß sie in den Dienst einer höheren Auf-gabe treten, die wir immerhin mit Oettingen Sozialethik nennen mögen.

Sind die Fehler der Jugendzeit abgelegt, die jetzt im Alter der Reifenicht einmal etwas Gefälliges mehr haben, dann kann die Moralstatistikeine sehr tüchtige, eine unentbehrliche Stütze der sozialen Wissenschaftenwerden. Durch die Vielseitigkeit ihres Stoffes, der fortwährend aus derPraxis der Gerichtshöfe, aus den Erfahrungen der Gefängnisverwaltung,aus den kleinen Erlebnissen der Polizei, aus den Aufzeichnungen derKirchenbücher hervorgeht, sorgt sie dafür, daß keine für das gesell-schaftliche Leben wichtige Erscheinung übergangen wird. Durch dieSichtung und Ordnung des Materials, durch ihre Zählungen und Mes-sungen stellt sie die quantitative Seite der Erscheinungen dar; sie ver-gleicht die einwirkenden Umstände nach ihrer Intensität und zieht da-durch Dinge in das Bereich des Messens, die sonst unnahbar wären. Siewird endlich aus der so auffallenden zeitlichen Konstanz fast aller Er-scheinungen die Belehrung schöpfen, daß die bürgerliche Gesellschaftein höchst verwickeltes, durch unzählige Bande verknüpftes Ganzes ist,worein der einzelne wie eine Masche ins Netz sich einfügt; jedoch keinGebilde von starrem Charakter, sondern einem beständigen Wechsel,einem Abgang und Ersatz der Bestandteile unterworfen, worin, wie beiunseren Heeren, jede Lücke sofort durch Nachschub ausgefüllt wird,so daß alle Wandlungen des Ganzen sich nur sehr langsam vollziehen.Sie zeigt dem einzelnen zwar, daß er nicht einmal eine Einheit dersiebenten Dezimalstelle wert ist, aber sie belehrt ihn zugleich, daß sichdas große Ganze nur ändert durch die beim einzelnen vollzogenen Ände-rungen. Sei man ihr Freund oder ihr Feind, möge man sie lieber dieseroder jener Weltanschauung dienstbar sehen, man wird ohne Zweifeldarin übereinstimmen, daß die Sozialwissenschaft dieser noch jungenDisziplin neue Gesichtspunkte und neue Hilfsmittel verdankt, die manam wenigsten heutigentags gering achten wird, wo alles auf das Studiumder Gesellschaft hindrängt.