Die neueren Ansichten über Moralstatistik.
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Freilich sind in diesen neueren Ansichten die sanguinischen Hoffnungenetwas herabgestimmt, doch ist auch kein unfruchtbarer Skeptizismus andie Stelle getreten. Wenn die Moralstatistik das metaphysische Rätsel dermenschlichen Freiheit nicht löst, weil es ganz außerhalb ihres Reichesliegt, so zerstreut sie doch den Aberglauben an astronomische Gesetze desHandelns; wenn sie aus ähnlichen Gründen den Streit der Materialistenund Spiritualisten nicht entscheidet, so zeigt sie doch, daß ,ein Teil derArgumente der ersteren sehr in ihrer Tragweite überschätzt worden war.Ganz nebenbei und unwillkürlich dient sie zugleich der Philosophie alsPropaganda; denn sie trägt das Interesse an den Fragen, die denMenschen nicht verlassen, wie sehr er sich auch von ihnen abwendenmag, in die Kreise der verzweifeltsten Realisten. Und wenn es ihr in denjetzigen beschränkteren Verhältnissen zum Tröste gereichen kann, somöge sie sich erinnern, daß die Irrtümer und Ausschreitungen von jehernur bei den Theoretikern bestanden, während die Praktiker stets dasübten, wozu so spät erst jene sich bekennen.
In der neueren Entwicklung der Disziplin wären also wohl drei Stufenzu unterscheiden: auf Ruckles Queteletismus mit seinen Liebhabereienfür Analogien mit der Mechanik folgt eine kritische Schule, welche diebisher gebrauchten Beweismittel für unzureichend hält und eine rationelleTechnik begründet. Das als wirksam und unentbehrlich erkannte Werk-zeug der Statistik tritt dann ganz in den Dienst der Sozialwissenschaften,worin man die mehr geistreichen als wahren physikalischen Analogienfallen läßt und sich der weit natürlicheren ethischen Betrachtungsweisezuwendet.
Ganz ähnlich ist es demnach der Moralstatistik ergangen, wie derNationalökonomie, die sich ebenfalls von dem schnellfertigen Manchester-tum mit seinen doktrinären Schablonen abwendet und sich liebevoll demStudium realer Verhältnisse widmet, nicht um daselbst mit aller GewaltNaturgesetze zu finden, sondern nur um Anschauungen zu gewinnen, ausderen Vergleich man die Eigentümlichkeiten und den Entwicklungsgangdes behandelten Stoffes kennenlernt. Die Nationalökonomie ist durchden Einfluß historischer Studien in diese Bahn gedrängt, die Moral-statistik dagegen hat den neuen Weg gefunden, indem sie mit Uner-schrockenheit alle Folgerungen zog, die sich aus der anfänglichen Auf-fassung ergaben: sie ist durch philosophische Studien zur Besinnung ge-kommen und zur Umkehr geleitet.
Sollte vielleicht der nun verlassene unechte Queteletismus nur die-