Quetelet als Theoretiker.
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streichen, so verdichtet sich der abgekühlte YVasserdainpf zu kleinenschwebenden Teilchen, die, in der Strömung weitergetrieben, sich anwärmeren Stellen wieder auflösen. Der fernstehende Beschauer sieht denGipfel in eine Wolke gehüllt, die zu verharren scheint und vielleichtselbst ihre Gestalt nur wenig ändert: sie besteht gleichwohl aus immersich erneuernden Wasserteilchen und ist nur die dauernde Erscheinung,welche aus dem Eintritt, dem Nebeneinandersein und dem Verschwindender Tropfen entsteht.
Wenn nun wirklich Ernst gemacht werden soll mit einer physikali-schen Betrachtung der Gesellschaft, so muß vor allem auf die geschil-derten Eigentümlichkeiten ihres Wesens die Aufmerksamkeit gerichtetsein. Die Theorie des ßevölkerungswechsels stellt sich das zur Aufgabe,und wenn Fortschritte in den Methoden gemacht werden sollen, somüssen sie von hier ausgehen. Quetelet hat diese Auffassung nicht. Erstin der zweiten Periode seines Wirkens, also nach der Abfassung desWerkes „Sur l’honnne“, beschäftigte er sich mit einer der Aufgabenjener Theorie, nämlich mit der Aufstellung von Sterblichkeitstafeln, dievor den Einwürfen gegen Halleys Verfahren gesichert sein wollen.Dabei stützt er sich vielfach auf den deutschen Physiker LudwigMoser , der trotz vieler Verirrungen doch als der Anreger aller neuerenBestrebungen gelten muß, und erreicht zwar einen praktischen Fort-schritt gegen früher; aber es gelingt ihm weder die wesentlichen Sätzeüber den Bevölkerungswechsel zu linden, noch wagt er es, die Durch-führung genauer Grundsätze des Messens in der Bevölkerungsstatistik alsForderung aufzustellen. Ihm bleibt die Sterblichkeilslafel ein Bedürfnisdes Versicherungswesens, wovon in der Bevölkerungslehre nur anhang-weise gesprochen wird.
Entgeht ihm hierdurch manches, was gerade dem Mathematiker nahe-gelegen hätte, so hat er auch mit seinen eigenen Versuchen nicht immerGlück. Ein besonderes Verhängnis aber waltet über den Aussprüchen desMalthus, wenn er sie in seine Untersuchungen hereinzieht. Liest manQuetelets Worte, daß es noch nicht gelungen sei, die Bevölkerungs-lehre in das Bereich der mathematischen Wissenschaften zu ziehen,so meint man, er habe die an Halley anknüpfende Theorie des Be-völkerungswechsels im Sinn und findet sich grausam enttäuscht durchdie Entdeckung, daß Quetelet vielmehr den figürlichen Ausdruck vomgeometrischen Wachstum, den man bei einem englischen Geistlichencum grano salis verstehen sollte, ernst nahm und die Aufstellung der ent-