I. Statistik.
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die zwar noch überraschend, aber nicht mehr richtig sind. Die Gesell-schaft, sagt er i 835 , bereitet das Verbrechen vor; der Schuldige ist nurnoch das ausführende Werkzeug; daraus ergibt sich, fährt er wörtlichfort, daß der Unselige, der seinen Kopf zum Richtplatz trägt oder seinDasein im Gefängnis endigen muß, gewissermaßen das Sühnopfer(victime expiatoire) der Gesellschaft ist. Die Nachfolger fühlten zumTeil nur das Mitleid heraus, das sich in diesen Worten ausspricht undmachten aus dem Sühnopfer das Opfer eines Unschuldigen, was in derTat nahe lag, wenn man beim „ausführenden Werkzeug“ stehen blieb.
Wie verhält sich nun der Verfasser gegenüber der Frage nach demfreien Willen? Man könnte wohl durch die Folter der Auslegung einBekenntnis aus seinen Schriften erpressen, wozu aber einen Philosophensuchen, wo die Absicht des Philosophierens fehlt. Die Bemerkungen, dieer einfließen läßt, sind bald nach dieser, bald jener Seite deutbar: zuweilenbezweifelt er die Freiheit, wann er gerade die Regelmäßigkeit betonenwill (obgleich die Ähnlichkeit der Ergebnisse doch nur zeigt, daß dieEntschlüsse zu Handlungen hier und dort ähnlich ausgefallen sind, nichtaber, ob dieselben von freien oder unfreien Wesen ausgingen, da mannicht einsiehl, daß freie Wesen unter allen Umständen verschiedenhandeln müssen); zuweilen spricht er nur davon, daß die Spuren desfreien Willens sich verwischen, wodurch nicht ausgeschlossen ist, daßder freie Wille gewaltet habe (vgl. die Stelle von 1847, S. i 38 ); dannwieder hat der freie Wille nur eine beschränkte Sphäre, worin er wirk-sam werden kann, da ihn die „forces sociales“ einschränken: welcheforces sociales doch wieder ihrerseits unter dem Einfluß des menschlichenWillens, freilich nicht des Willens eines einzelnen stehen (vgl. die Stellevon 1868, S. 558 ) und geändert werden können. Im ganzen ergibt sichalso wohl, daß Quetelet in dieser Frage unsicher bleibt: als Haupt-sache hält er die Zugehörigkeit des Individuums zur Gesellschaft fest,und überlassen bleibt es den berufenen Philosophen, diesen bis dahinweniger beachteten Gesichtspunkt in ihren ethischen Untersuchungenzu verwerten.
Bei der Bearbeitung des gleichen Materials ist Guerry auf ganzandere Ziele gekommen als Quetelet. Der französische Advokat ver-mißt, nicht als der erste, die Beobachtungen, die auch zu den Geistes-wissenschaf len (sciences morales et politiques) die Grundlage bildensollen. Die Statistik sei das Mittel; meist habe man aber bisher nur dasBevölkerungswesen betrachtet: die Moralstatistik komme nun hinzu, um