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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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I. Statistik.

wickeln, so muß auch die Häufigkeit der Verbrechen in den ver-schiedenen Altersklassen eine verschiedene sein, mag es einen sich ent-wickelnden Hang geben oder nicht. Etwa so, wie die Bewegungen einesSchauspielers, die für das vor ihm sitzende Publikum eingerichtet sind,auch dann noch regelmäßig (aber unverständlich) bleiben, wenn manvom Dachstuhl herunter auf die Bühne blickt. Jener Quotient bedeutetalso schlechterdings nichts anderes als die Häufigkeit verbrecherischerHandlungen unter den Mitgliedern einer Altersklasse. Es ist nicht einmalgerechtfertigt, denselben als Maß der Wahrscheinlichkeit, ein Ver-brechen zu begehen, aufzufassen: denn wenn auch jede Wahrschein-lichkeit ein Quotient ist, so ist doch nicht jeder Quotient schon deshalbder Ausdruck für eine Wahrscheinlichkeit.

Die Schilderung der Verbrecherlaufbahn, die Quetelet entwirft(i83i,Penchant au crime, S. 70; inSur lhomme, Vol. II, S. 235 ):daß uns der Hang zum Diebstahl von der Wiege bis zum Grabe begleite,zuerst auftretend mit Mißbrauch des häuslichen Vertrauens, dann sichhebend zu kühneren Unternehmungen auf der Heerstraße, in dem Alter,wo man die Fülle seiner Kraft bereits in Mordtaten aller Art zu erprobengewohnt ist, bis uns körperliche Hinfälligkeit nötigt, die gewonneneErfahrung auf dem Wege des Fälschens und Betrügens zu verwerten:ist wohl nur als eine stilistische Beigabe gemeint gewesen; oder sollteQuetelet wirklich glauben, daß sich Begehrlichkeit nach fremdemGut immer in Gewalttat oder Gewalttätigkeit je in feige Hinterlist ver-wandele? ;

Die Anthropologie wird bei den Untersuchungen der Kriminalstatistikallerdings nicht ganz leer ausgehen; aber die von Quetelet versuchteanthropologische Auffassung ist nicht haltbar. Sie hat etwas so Ab-sonderliches, daß man kaum begreift, wie er sie neben den anderen Auf-fassungen beibehalten konnte, wüßte man nicht, daß er allen seinen Ein-fällen folgt und kein Geschick in der Verarbeitung, zu einem Ganzen hat.

Gerade?für Quetelet lagen anthropologische Abschweifungen näherals für irgend jemand: denn dem Beobachter des Wehens der Windeund des Falls der Sternschnuppen genügte es nicht, die Zeichen derMeßkunde in das Gebiet der Sozial Wissenschaften zu tragen; auch dieNaturgeschichte des Menschen schien ihm nach der sicheren Stütze einesZahlengerüstes zu verlangen, und er zögerte nicht, seine Hilfe darzu-bieten. Er vermißt die genauere Kenntnis des Wachstums unseresKörpers in den Jugendjahren und teilt daher im Jahre i 83 i seine