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I. Statistik.
Das einzige, was man aus der von Quetelet gefundenen symmetri-schen Verteilung lernt, ist, daß man die das Wachstum hemmendenund die fördernden Ursachen als ungefähr gleich stark und gleich vielebetrachten darf. Die Verteilung nach dem Körpergewicht hingegen istnicht dem entsprechend. Merkwürdig, wie diese Untersuchungen sind,wüßte ich doch kaum zu erkennen, wozu sie etwa jetzt schon zu ver-wenden wären.
Es wird nicht notwendig sein, den Verallgemeinerungen zu folgen,die der Entdecker dieser Anwendung des alten Satzes, den er Loi descauses accidentelles nannte, alsbald hinzufügt: die Menschen verteilensich sogar nach ihren geistigen und sittlichen Eigenschaften jenem„Gesetz“ gemäß, dem alles, auch die Staaten (und nur die Frauen nichtganz) unterworfen sind. Warum soll man nicht, wo immer Eigen-schaften gradweise stattfinden, überall nach denselben ordnen können?Ein anderes Ergebnis dieser anthropologischen Theorie könnte vielleichterst durch einen mehr nüchternen Bearbeiter gesichert werden.
II. Die allgemeineren Anseliauungen.
1. Die Gesellschaft ist ein Sytsem, aber keines, das Analogien mit der Me-chanik hat; die Stellung des mittleren Menschen in diesem System ist unhaltbar,daher auch die Verbindung von Anthropologie und Sozialwissenschaft hinfällig.2. Auf die Gesellschaft wirken Ursachen ein, die Quetelet schlechtweg alsKräfte auffaßt; seine Einteilung dieser Kräfte ist im objektiven Sinne un-zulässig; in subjektivem Sinne zerfallen die Ursachen stets für den Statistikerin wesentliche und unwesentliche. 3. Aus Quetelets Einteilung der Kräftefolgen seine unhaltbaren Ideen über Anwendung der Wahrscheinlichkeits-rechnung; Gegenvorschläge. 4. Ebendaher folgt die Hinneigung zur äußerenAuffassung der Gesetzmäßigkeit; deren Gegenbild ist die Auffassung, als seidie Gesellschaft nur das Nebeneinander von Individuen. 5. Rückblick auf dieLeistungen; Eigenschaften des Schriftstellers.
Neben den einzelnen Lehren enthalten die Schriften Quetelets, teilsoffen ausgesprochen, teils aus den unwillkürlichen Folgerungen erkenn-bar, einige allgemeinere Anschauungen über Gesellschaft und Welt, dieetwas schwerer greifbar sind, aber doch erst das volle Verständnis er-schließen. Insbesondere gehören hierher die Vorstellungen über die Ge-sellschaft als System betrachtet und über die in der Natur wirkendenUrsachen. Aus beiden Gedankenreihen wird man den Astronomen wiedererkennen: in ihnen wurzelt die eigentümliche Verbindung der Gegen-stände zu einer eigenen Queteletschen Disziplin, ferner die Ideen zurAnwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung und endlich diejenige Vor-stellung der Gesetzmäßigkeit, die man jetzt allgemein verlassen hat.