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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Quetelet als Theoretiker.

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Wenn man berechtigt ist, die von Quetelet mit Vorliebe bearbeitetenGedanken in die zwei Hauptabteilungen: Sozialslatislik und Anthropolo-gie zu verweisen, die miteinander wenig zu schaffen haben, so wird manerstaunt sein, daß unser Autor die beiden genannten Gebiete so behandelt,als wären sie ein einziges. Hierdurch unterscheidet er sich von Süß-milch und Malthus , denen nichts ferner lag, als von körperlichenEigenschaften zu reden, obgleich sie sonst eine Abschweifung nicht ver-schmähten. Man darf nicht etwa vermuten, für ihn, den Apostel derMeßkunst und späteren Bischof in partibus, liege die innere Einheitdieser Forschungen in dem Umstand, daß die Statistik hier wie dort alsWerkzeug angewendet werde; denn das ist ja auch in der Meteorologieder Fall, die er niemals mit jenen anderen Disziplinen verbindet. Sobliebe nur die Vermutung, daß ihm dasjenige für eins gilt, was die Sta-tistik, sei es über die Menschen oder über den Menschen, zutage fördert,und dann allerdings konnte er im Jahre i835 mit Recht sagen, daß desMenschen Geburt, Entwicklung und Tod noch niemals von der Sta-tistik in ihrem Zusammenhang untersucht worden seien. Aber esgibt noch einen anderen, tiefer liegenden Grund für die wie uns scheintunhaltbare Verbindung, und zwar liegt er in den Anschauungen über dasWesen der Gesellschaft und über die Stellung desmittleren Menschenin derselben. Diese künstliche Verbindung ist sonderbar genug!

Oben hat man der Fiktion des mittleren Menschen eine gewisseVerwendbarkeit in der Anthropologie bereitwillig eingeräumt, für dieSozialstatistik aber, wo es sich um Geborenwerden, Eheschließungen,Sterben und ähnliche Ereignisse handelt, hat der mittlere Mensch natür-lich gar keinen Sinn. Oder soll man etwa fragen, in welcher Jahres-zeit der mittlere Mensch zur Welt zu kommen pflegt, in welchem Alterderselbe stirbt und auf welche Weise er sich verehelicht? Und doch liegensolche Einfälle, die früher niemand haben konnte, seit Quetelet er-schreckend nahe; er vergißt fortwährend, daß es die Bevölkerungs-wissenschaft mit den Grundeigenschaften der Gesellschaft und nichtmit der Beschaffenheit und dem Schicksal der Individuen zu tun hat.Die oft gehörte Unsicherheit, ob dieGesetze der Statistik auf deneinzelnen Menschen sich erstrecken, wurzelt zum Teil in dem halbenBewußtsein dieses Zwiespalts. In einer Vorlesung über Nationalökonomiefügt sich eine Abschweifung über Bevölkerung sehr leicht ein, währendes nur die Heiterkeit der Zuhörer erregen könnte, wenn man von der