Quetelet als Theoretiker. 39
liehen Gesellschaft gebildet, worin auch der mittlere Mensch einen Platzhatte.
Die Gesellschaft, sagt er, ist ein System, welches von Kräften be-herrscht wird — und er denkt dabei ohne Zweifel an das Planeten-system, worin alle Bewegungen auf anziehende Kräfte zurückgeführtwerden. Bei der Wirkung anziehender Kräfte auf die einzelnen Punkteeiner Masse kann man sich, mit gleichem Erfolg, die sämtlichen Kräfteauf einen bestimmten Punkt, den sogenannten Schwerpunkt, vereinigtdenken. Im gesellschaftlichen System nun hat Quetelet den mittlerenMenschen konstruiert, der ja auch vereinigt, was von den einzelnen her-genommen ist; daher entspricht der mittlere Mensch dem Schwer-punkt eines Systems und gehört also mit gleichem. Recht in die Kundevon der Gesellschaft wie der Schwerpunkt in die Astronomie!
Es ist kaum zu begreifen, wie unser Autor sich mehr als dreißig Jahrevon einer so dürftigen Analogie konnte beherrschen lassen, obgleiches im Verlaufe seiner ganzen Darstellung nicht vorkommt, daß Vorgängein der Gesellschaft irgend durch den mittleren Menschen erläutertwerden, nicht einmal in der Abhandlung Penchant au crime, denn auchdiese ist ohne innere Einheit, Rechnen wir diesen scheinbaren Tiefsinn,aber flachen Scheinsinn zu denjenigen Eigentümlichkeiten, denen mildereKritiker noch die Bezeichnung geistreich gelassen haben, um ihnen nichtalles auf einmal zu nehmen. —
Ohne uns weiter bei dieser Grille aufzuhalten, die der Eckstein allerSystematik bei Quetelet ist, sehen wir zu, was sonst noch über die Ge-sellschaft gelehrt wird. Ein System nennt er dieselbe, welches von Kräftenbeherrscht wird, zu deren Erforschung eine besondere Art von Mechanik(mecanique sociale) oder, wie es von i835 an heißt, eine besondere Artvon Physik gehöre. Nun ist es allerdings richtig, daß die Gesellschaftein System ist; denn sie ist, ganz äußerlich betrachtet, ein Nebenein-ander von einzelnen, die in gegenseitiger Beziehung stehen; und wennman die Statistik, weil sie die Beschaffenheit dieses Systems untersuchenhilft, eine Art von Physik nennen will, so liegt darin bei vielerUnbescheidenheit ein klein wenig Wahres. Zuweilen scheint aber Quete-let fast an innere Ähnlichkeiten zwischen den Systemen, wo man vonbewegten Körpern handelt, und dem System der Gesellschaft zu glauben,und in der Tat, die Individuen bewegen sich und ziehen sich an, wiedie Dichter sagen. Sollte Quetelet vergessen haben, daß sie das Systemder Gesellschaft bilden, nicht insofern sie sich bewegen, das heißt ihren