Quetelet als Theoretiker.
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zu beweisen. Wenn aber nun Quetelet an vielen Stellen andeutet, alskönne sogar die Unveränderlichkeit auf diesem Wege bewiesen werden,so war er sich nicht ganz bewußt, mit welcherlei Erscheinungen er zutun hatte: er irrt als Physiker, indem er die Sterbefälle so wie die Regen-menge behandelt; wären sie so, dann hätte der Meteorologe recht. Derphysikalische Irrtum aber begründet die Nichtigkeit des Verfahrens.Später werden wir den Ursprung dieses Irrtums kennen lernen, in Quete-let s Gesamtauffassung von der Gesellschaft. Auch ist es kaum nötig, zuerinnern, daß es für praktische Zwecke, wie die der Versicherung sind,erlaubt ist, die in langsamster Änderung befindlichen Dinge für un-veränderlich zu nehmen.
Im Bereich der reinen Bevölkerungss'atistik kommt eine Anwendungder Wahrscheinlichkeitsrechnung, durch welche man auf „große Zahlen“hingewiesen würde, überhaupt nicht vor, um irgendwelche „eigentliche“absolute Maßzahlen zu finden, sondern nur vor (und das ist der zweitewichtige Punkt), wenn die Ergebnisse von Messungen verglichen unddie gefundenen Differenzen erläutert werden sollen. In dem vorausgehen-den Beispiel verglich man zwei Kalenderjahre miteinander; in ähnlicherWeise könnte man für ein gegebenes Kalenderjahr die Sterblichkeit dermännlichen und die der weiblichen Bevölkerung vergleichen. Um beiden hierbei sich zeigenden bedeutenden Differenzen (die nach der Zeitfast konstant sind) zu erläutern, inwiefern dieselben fast nur dem Ein-fluß des Geschlechts zuzuschreiben sind, sobald man hinlänglich zahl-reiche Gruppen hat, dient die Wahrscheinlichkeitsrechnung (wie anders-wo dargelegt ist), die der gesunde Menschenverstand gleichsam un-bewußt anwendet.
So sehr man eine erschöpfende Behandlung dieser schwierigen Fragennoch vermissen mag, so möchte ich doch bereits behaupten, daß Quete-let , der die Grundlagen dieses Kalküls höchst lichtvoll vorgetragen unddie eigentümlichen Anwendungen auf die Anthropologie gemacht hat,keineswegs die richtigen Gesichtspunkte für die Anwendung auf dieSozialstatistik besaß. Es stehen ihm überall meteorologische Erinne-rungen im Wege, so daß er nicht einmal den Punkt richtig bezeichnet,wo das Werkzeug anzusetzen ist. —
Ohne die zahlreichen Anspielungen weiter zu untersuchen, dieQuetelet in bezug auf die Ähnlichkeit der Gesetze der Mechanik mit •denen des gesellschaftlichen Systems einfließen läßt, und die bis zum„moralischen Zentrum“ hinabsinken oder in der pathetischen Frage