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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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II. Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit.

stellt. Aber der westliche Leibeigene ist ein Mann, der meist gar keineDienste zu leisten hat und sich eines besonders guten Besitzrechtes er-freut; er zahlt nur, wenn er wegziehen will, ein herkömmliches Ab-zugsgeld, und aus seinem Nachlaß nimmt der Herr einen geringfügigenTeil als Todfall an sich. Es sind dies nur rechtsgeschichtliche Über-reste, die kaum merkbar auf dem Betroffenen lasten, während die so-genannte Leibeigenschaft des Ostens eine wirtschaftlich wichtige, un-gemein drückende Neubildung ist. Also wieder, bei gleicher Benennung,eine ganz verschiedene Sache.

Und nun zum dritten Mangel der Forschung: Sie ist viel zu bio-graphisch.

Überall in der Well sind hervorragende Männer von der höchstenBedeutung für die Geschichte, sowohl in der Politik, wie in der Kunstund in der Wissenschaft. Es ist ein völliges Verkennen aller Wirklich-keit, wenn man glaubt, wie der Engländer Buckle es tat, daß die mensch-lichen Dinge gleichsam von selber, ohne den bewußten Eingriff über-mächtiger Naturen, durch das bloße Zusammenwirken des Gewöhn-lichen, des Mittelmäßigen, langsam und unbemerkt sich weiterbilden.Wahr ist nur dies, daß der hervorragende Mann, wenn er in seine Lauf-bahn eintritt, seine Aufgabe bedingt findet durch das gesamte Tun undTreiben derjenigen, die vor ihm waren. Nicht ins Leere tritt er ein,er findet eine bereits gewordene Welt, die er an der ihm zufallendenStelle durch seinen Eingriff weiter bildet. Was könnte anziehender sein,als diesen Vorgang in einzelnen Beispielen klarzulegen; und wie solltedas geschehen, wenn nicht durch Beschreibung des Lebenslaufs derer,die eine solche Nachschöpfung ihres Lebens verdienen.

Aber der Biograph ist in stetiger Versuchung, wesentlich die Per-sönlichkeit seines Helden leuahten zu lassen. Alle diejenigen Züge sindihm besonders wertvoll, aus denen das Denken und Empfinden desMannes klar hervortritt, und so liebt er es, vor allem die Äußerungenin den Vordergrund zu stellen, bei denen einige Leidenschaft sich wirk-sam zeigt. Denn die Leidenschaft, wie ein vulkanischer Ausbruch, zer-reißt die Hülle, welche den inneren Menschen für gewöhnlich ehrbarund schonend umgibt.

Dies tritt besonders hervor bei Friedrich Wilhelm I. Seine barschenRandverfügungen sind voll von leidenschaftlichen Ausbrüchen; er warein Todfeind dessen, was er, im uneigentlichen Sinne, Leibeigenschaftnannte;sollen abschaffen heißt es stets, und die Gegengründe sind