Die bäuerliche Leibeigenschaft im Osten.
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ihm „elendes Räsonieren“. Der Biograph ist glückselig über die "Ent-schleierung einer kräftigen, rücksichtslosen Natur. Aber der Sozial-politiker forscht weiter, was aus den Plänen des Königs wird — undda stellt sich heraus, daß dies alles nur den Mann als solchen charakteri-siert, aber nicht sein Wirken, denn er weiß die Mittel nicht zu finden,um die Widerstände zu überwältigen und schließlich sind seine PlänePläne geblieben.
Die Geschichte der bäuerlichen Reformen ist eine wahre Fundgrubesolcher persönlicher Entschleierungen, die wir gern den Biographengönnen wollen; aber sie sollen auch uns die Ausübung unserer Kunstungestört lassen: Die Geschichte der sozialen Entwicklung ist etwasdurchaus anderes, als die Aufsuchung biographisch verwertbarer Züge.Gewiß greifen auch hier bedeutende Männer entscheidend ein, aberdurch das, was sie tun, nicht durch das, was sie gelegentlich äußern;und die Hauptsache für uns, die wir das Leben des Volkes nach derwirtschaftlichen Seite erforschen wollen, bleibt immer dies: Nicht werhat über Reformen geredet, sondern wer hat Reformen geschaffen.
Von hier aus gesehen tritt die Bedeutung der älteren preußischenKönige einigermaßen zurück. Wenn die eigentliche Leibeigenschaft, wiewir gesehen haben, nichts Bezeichnendes für die frühere Agrarverfassungwar, so kann auch die Abschaffung — oder vielmehr das Verbot der-selben — nicht mehr als ein Hauptverdienst jener Könige gelten. Lassen■wir also endlich die vergebliche Bemühung fahren, für jeden der vierersten Könige Preußens eine Aufhebung der Leibeigenschaft nachzu-weisen; ihr Ruhm ist groß genug, und sie bedürfen solcher künstlicherZutaten nicht.
Der Gelehrte bedeutet, nach seiner Stellung im Staate, freilich nichtviel, da er nur über weniges zu befehlen hat. Doch er fühle sich inseinem Wirkungskreise deshalb nicht untergeordnet; er halte sich vonden Empfindungen des Dieners fern! Wer Geschichte schreibt, ist selbereine Art von Herrscher: zwar nicht im Gegenwärtigen, aber im Ver-gangenen; zwar nicht im Reiche der Taten, aber im Reiche der An-schauungen; er herrscht über Könige, wenn sie dahin gegangen sind,woher sie nicht wiederkehren; also geziemt ihm eine königliche Sprache,die Sprache, die hier im Hause der Wissenschaft allgemein geredet undallgemein verstanden wird.
Die wirklich große Reform unter Friedrich II. war die Einführungerblichen Landbesitzes für die Domänenbauern. Dann kam im 19. Jahr-