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II. Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit.
nichts? Haben die preußischen Könige sich geirrt, wenn sie von Fried-rich I. an bis zu Friedrichs II. Tode immer von neuem und immer ver-geblich über diese Junker in Wut gerieten? Das sei ferne. Die nordost-deutsche Gutswirtschaft des Junkers ist durchaus nicht nichts; sie istetwas sehr Wirkliches, Greifbares, Fühlbares gewesen; aber sie war —und hierauf allein kommt es uns an — sie war schlechterdings nichtsMittelalterliches. Man kann sie figürlich mit dem Beiwort „mittelalter-lich“ brandmarken, um sie zu bekämpfen — aber die Erfindung dieserForm des ländlichen Großbetriebes gehört durchaus der Neuzeit an; diejunkerliche Gutsherrschaft findet sich erst etwa von der Mitte des 16.Jahrhunderts an in ihrer Kindheit; sie erreicht in der Mitte des 17.Jahrhunderts — nach dem 3 o jährigen Krieg — ihr Jünglingsalter, umnach dem 7 jährigen Krieg, also in der zweiten Hälfte des 18. Jahr-hunderts, in höchster männlicher Kraft dazustehen, und in dieser hohenBlüte ist sie ins 19. Jahrhundert hereingekommen. Sie war nicht, wiedie Grundherrschaft, greisenhaft verkümmert, sie war nicht Bechtsalter-tum und Seltsamkeit geworden, sondern sie stand in ihren bestenJahren und wehrte sich ihres Lebens, als man sie angreifen wollte,mit Händen und Füßen — wie man ihr ja alles andere eher als Schwächenachsagen kann.
Die herrschaftliche Gutswirtschaft ist etwas ganz anderes als diebloße Grundherrschaft; sie ist es, in der wir heute den Anfang deskapitalistischen Großbetriebes erkennen! Schön ist sie nicht, und sieerscheint uns nicht mehr als menschlich; aber ein Beweis von Geistund Kraft ist sie, und sie hat die heutigen Zustände im deutschen Nord-osten geschaffen. Wie sah sie wohl am Anfang des 19. Jahrhundertsaus?
Der herrschaftliche Hof ist der Mittelpunkt eines großen landwirt-schaftlichen Betriebes; neben dem Haus oder Schloß, in welchem derGutsherr oder auch der Domänenpächter wohnt, befinden sich weit-läufige Wirtschaftsgebäude, große Scheunen und Speicher, Stallungenfür das Nutzvieh, besonders für Kühe und Schafe; was aber zu unsererÜberraschung fehlt, das sind die Ställe für das Zugvieh; höchstensfindet man einige Pferde für den herrschaftlichen Wagen; aber der Be-stand an Ackerpferden oder Zugochsen ist sehr gering oder fehlt sogarganz. Der zugehörige Ackerbesitz ist groß, aber er bildet keine zusammen-hängende Fläche; die Äcker liegen vielmehr auf der Flur zerstreut;, undauf derselben Flur liegen die Äcker der Bauern, die in einem nahen Dorfe