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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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112 u- Die Landarbeiter in Knechtschaft nnd Freiheit.

Sinn kommen, diese Quelle seiner politischen Bedeutung mutwillig zuverschütten.

Also aus politischen Gründen sollte das Rittergut fortbestehen, undökonomische Gründe kamen verstärkend, wenn auch weniger beachtet,noch hinzu. Der gutsherrliche Großbetrieb ist eine höher entwickelteForm der ländlichen Verfassung, als der bäuerliche Kleinbetrieb; derGroßbetrieb hatte sich mühsam über den früher vorwaltenden Klein-betrieb erhoben; vielleicht hie und da gewaltsam, aber nun war er ein-mal da und konnte, wie jede andere Einrichtung, fordern, daß ihm dieVerjährung zugute komme. Diesen Großbetrieb, der allein der Ort war,wo die rationelle Landwirtschaft mit ihren technischen Anforderungensich geltend machen konnte, wieder künstlich in Kleinbetriebe zu zer-splittern, wäre wirtschaftlich ein Rückschritt gewesen, etwa so, wie wennman unsere mechanische Spinnerei und Weberei zerstören und das Hand-spinnrad mit dem Handwebstuhl wieder in Tätigkeit versetzen wollte.Es mag ja sein, daß niedriger Preisstand des Getreides einmal den Groß-betrieb wieder unlohnend, den Kleinbetrieb wünschenswert machen wird.Aber so lag damals die Sache noch keineswegs. Sehr häufig entspringtauch die Schwärmerei für Bauern einer falschen Empfindsamkeit; manerwärmt sich für diese ursprüngliche Verfassung, weil man die Ent-wicklungsgeschichte nicht begreift, die uns überall, nicht nur in der In-dustrie, den höheren, verwickelteren Verfassungsformen entgegenführt.In Preußen war es also zweifellos, daß der gutsherrliche Betrieb bleibensollte; die Dienste konnten nicht einfach wegfallen, und so entstand dieFrage: wer arbeitet künftig auf dem Rittergut.

Die Gutsherren Ostpreußens , mit denen man im Jahre 1807 überdie Aufhebung der Erbuntertänigkeit verhandelt hatte, machten einenhöchst bezeichnenden Vorschlag für die Neuordnung der Dinge. Siesagten: Man erlaube uns, so viele Bauernhöfe zum Gutsfelde einzuziehenals wir wollen; dann werden wir an Stelle der Bauern sogenannte Büdneransetzen.

Büdner oder Kätner, das sind Leute, denen der Gutsherr ein kleinesHaus anweist und eine Anzahl Äcker, vielleicht 3 bis 6 Morgen Landes,nicht entfernt so viel, wie ein kleiner Bauer hat, nicht so viel, daß ©rdavon allein leben kann, nicht so viel, daß er darauf ein Gespann oderauch nur ein Zugtier zu halten braucht. Nur etwa eine Kuh würde sichder Büdner halten und einige Schafe, die er in die Herde des Gutsherrneinstellt; er baut auf dem Acker seine Kartoffeln, hat etwas Milch von