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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Landarbeiter und innere Kolonisation.

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Geldlohn allein, sondern durch einen Komplex von Leistungen desArbeitgebers Landnutzung, Geld, Spanndienste und zuweilen Kostvergolten wird.

Die Verfassung (vgl. Bd. 53 , S. 219) ist die denkbar .günstigste.Hier haben die Arbeitgeber stets genug Arbeitskräfte zur Verfügung,um alle landwirtschaftlichen Arbeiten in ordnungsmäßiger Weise zuerledigen, und hier befinden sich die Arbeiter sowohl materiell in sehrguter Lage... als auch ideell in einer durchaus zufriedenen Stimmung.In den meisten Fällen können die Heuerleute beträchtliche Ersparnissezurücklegen. Hier vor allem trifft es zu, was Kaerger behauptet: es gehtdem ländlichen Arbeiter so gut, daß es nicht Inhalt der ländlichen Ar-beiterfrage sein kann, durch welche Mittel die wirtschaftliche Lage dieserLeute gehoben werden kann (a. a. 0 . S. 216217). Sie selbst betrachtenihren Zustand nicht als einen fragwürdigen warum also mischenwir uns hinein? Der Mann, dem geholfen werden kann, ist in West-falen nicht zu suchen.

Und so hätten wir denn gleich am Anfang mit unerhörtem Finder-glück die Form der Arbeitsverfassung aufgestöbert, die wir suchen.

Dort gibt es auf dem Lande keine Sozialdemokratie (S. 29); dortsitzen viele Familien schon hundert Jahre und länger auf demselben Hofeals Heuerleute; keiner von beiden Teilen denkt an Kündigung; das Heuer-land, obgleich nur gepachtet, wirdgewissermaßen als Eigentum an-gesehen (S. 112); obgleich die Heuer, wie jede Pacht, nur auf einegewisse Zeit dauert, sagt kein Berichterstatter aus Osnabrück , wie langdiese Zeit sei, denn es gilt als selbstverständlich, daß die Verträge stetserneuert werden und vom Vater auf den Sohn und Enkel übergehen(S. 67). Der Heuerling treibt noch dazu in freien Stunden Hauswebereials Nebenbeschäftigung er ist also nicht überbürdet (S. 109), und inden Monaten, in denen er nichts zu tun hat, geht er, um Geld zu ver-dienen, nach Holland . Er ist zufrieden, wenn er seine zwei Kühe hat(S. 178); sein Arbeitgeber ackert ihm gelegentlich das Feld umsonst(S. 168), so daß er kein Zugvieh braucht, und für das Nutzvieh stehtihm meistens die Gemeindeweide zur Verfügung (S. 171). Solche Heuer-linge stehen sich besser als kleine Grundeigentümer, und wenn man sievor die Wahl stellt, so wollen sie lieber Pächter bleiben. Das beste daranist aber, daß auch die Arbeitgeber diese Verfassung höchst vorteilhaftfinden und zu derselben zurückkehren, wenn sie einmal den unvorsich-tigen Versuch gemacht haben, etwas anderes einzuführen (S. 38 ).