138 II. Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit.
inneren Kolonisation; so verstanden hat die innere Kolonisation denengsten Zusammenhang mit der ländlichen Arbeiterfrage des Ostens.Die innere Kolonisation will im Osten Deutschlands durch Eingriff derStaatsgewalt Rittergüter zerschlagen und daraus Bauerngüter und Ar-beiterstellen machen.
Es kann gar keine Rede davon sein, dies überall zu tun. Es gibt auchim preußischen Osten noch viele Bauerndörfer; besonders dürften sieda, wo früher Domänenämter waren, noch zahlreich zu finden sein.Und sogar in dörferlosen Gegenden will man nicht etwa alle herr-schaftlichen Güter zerschlagen, um daraus bäuerliche und noch kleinereStellen zu bilden: der Gedanke wäre abenteuerlich. Nur hie und da,wo die Gelegenheit sich bietet, soll es geschehen.
In einer so ernsthaften Sache wollen wir lieber ein Wort zu wenigsagen als ein Wort zu viel, und daher den allgemeinen Sinn des Kolonisa-tionswerkes in aller Schlichtheit so ausdrücken: die neueren preußi-schen Gesetze wollen die Umwandlung der ländlichen Verfassung, so-weit sie durch die gegenwärtige Lage geboten ist, durch staatliche Leitungund Hilfe so befördern, daß möglichst wenige Interessen dabei ver-letzt werden. Ich weiß es wohl, daß noch ganz andere Ziele den Mit-gliedern des Landtags, der Regierung und den Männern von der Pressevor Augen standen — aber je tiefer man in die Ausführung des Ge-schäftes hineinblickt, desto mehr tritt jener bescheidene und doch sounbeschreiblich wichtige Gedanke in den Vordergrund. Dies ist dasklare Ergebnis der Untersuchung Serings, der zum erstenmal überdie Ausführung Rechenschaft gibt. Es ist hier, wie überall, zu 'unter-scheiden zwischen dem, was diejenigen wollen, welche das Gesetzmachen und dem, was das fertige Gesetz, also der Gesetzgeber, will, sowiezwischem dem, was das Gesetz will und dem, was der Staat bei Aus-führung des Gesetzes daraus macht.
Der Anfang des Werkes liegt in dem Gesetz vom 6. April 1886. Eswurde damals der preußischen Staatsregierung die gewaltige Summevon 100 Millionen Mark zur Verfügung gestellt, um „zur Stärkung desdeutschen Elementes in den Provinzen Westpreußen und Posen gegenpolonisierende Bestrebungen“ deutsche Bauern und deutsche Arbeiteranzusiedeln. Man dachte im wesentlichen daran, Rittergüter von pol-nischen Besitzern zu kaufen; man hatte also zunächst nationalpolitischeZwecke — die uns hier nicht weiter interessieren. Daneben war 'die alteÜberlieferung wirksam, daß der Bauernstand zu erhalten und zu mehren