Die ländliche Verfassung Niederschlesiens. -[g3
Verhältnis des Westens unterschieden, daß im Osten das Haus keine be-sondere Stellung einnimmt, wie es im Westen tut.
Das Lassitentum hat sich bekanntlich im Osten nach dem Dreißig-jährigen Kriege und infolge des Krieges besonders stark ausgebildet.Da dieser Krieg auf Niederschlesien nur wenig Wirkung gehabt hat,so erklärt sich vielleicht hierdurch das Fehlen der Lassiten (die nur inden Grenzgegenden hie und da gefunden werden) und das Fortbesteheneines älteren und weit besseren Besitzrechts.
5 . Abgesehen von den Grenzgegenden Niederschlesiens , gab es dakeine lassitischen Bauern, wohl aber hie und da —■ auch im Inneren desLandes — lassitische Gärtner, das heißt solche, die an Haus und Ackerkein Eigentum hatten. Nach österreichischem Verwaltungsrecht gehörtensie zu den „uneingekauften“ Leuten n . Doch sind sie bereits gegen dasEnde des 18. Jahrhunderts beseitigt worden, im Anschluß an die Ur-barienregulierung unter Friedrich dem Großen 12 und das allgemeineGebot des Einkaufens, das heißt der Verwandlung jener Lassiten inEigentümer. Somit war im Jahre 1807 das Lassitentum auch bei denGärtnern nicht mehr da. —
6. Die niederschlesischen Bauern leisteten Dienste (Fronden, Roboten)an ihre Grundherren, aber in der Regel ganz auffallend wenige; manliest von 1V2 Tagen oder 2 Tagen in der Woche. In Pommern dagegenkommen häufig 6 Tage in der Woche vor. Also auch in dieser Be-ziehung hebt sich Niederschlesien deutlich von dem dunkeln Hinter-gründe der übrigen östlichen Provinzen ab.
Die geringe Zahl der Frontage erklärt sich aus zwei Gründen, dieim Grunde nur einer sind: aus der Kleinheit der 'gutsherrlichen Be-triebe und aus der großen Zahl der Bauern.
Die Fronpflicht lag auf der Gesamtheit der Bauernstellen jedes Be-zirkes (also jedes Dominiums), und sehr häufig, wahrscheinlich fastimmer, ging die Ausübung der Pflicht reihum. Solche Fronden hießenZechfronden, wie sie auch in Kursachsen genannt wurden 13 .
11 Grünberg, Bauernbefreiung in Böhmen, Mähren und Schlesien, Bd. I (1894)S. 53 ff.
12 Knapp, Bd. I S. 120. — Grünhagen, Schlesien unter Friedrich demGroßen, Bd. I (1890) S. 524. — Keil, in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik,Bd. XLIII, Anhang S. 8.
13 Vgl. Haun, Bauer und Gutsherr in Kursachsen, Straßburg 1892 (Abhand-lungen des Staatswissenschaftlichen Seminars zu Straßburg , Lieft IX) S.191.