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III. Grundherrschaft und Kittergut.
mehr Bauern; und endlich leidet darunter nicht einmal der Domänen-fiskus, denn die jährlichen Zinsungen der neuen Erbpächter bieten reich-lichen Ersatz für das, was früher aus den Meierhöfen einging. Raababer sagte dies nicht nur, sondern er ging hin und tat’s.
Hier wird nun jeder Kenner sagen: Was Raab 1775 wollte, dasselbehat ja in Preußen im Jahre 1703 schon Luben seinem König an>-geraten 17 . Er hat sogar damals die Ausführung bereits begonnen — aberall dies ist wieder rückgängig gemacht worden. Im Entwurf erscheintdiese Umformung in Preußen 72 Jahre früher (und nach Lage der Zeitmehr von fiskalischem Interesse hervorgerufen); aber das Wiederauf-lauchen in Österreich ist erstens mehr sozialpolitisch als fiskalisch be-gründet, dann aber, und das ist die Hauptsache: die kühne Neuerungist in Österreich nicht nur versucht und dann zurückgelegt worden,sondern sie ist — in bezug auf die Domanialbauern — wirklich voll-zogen. —
Friedrich Wilhelm III. kam ums Jahr 1798 in dieselbe Lage, inder Maria Theresia ums Jahr 1776 gewesen war; — gescheitert, wie ermit seinen umfassenden Befreiungsplänen war, beschließt er, sich zu-nächst ganz mit den Domanialbauern zu beschäftigen, und er hat nunauf diesem engeren Gebiet den unbestreitbarsten Erfolg; aber derpreußische König tut es um mindestens 20 Jahre später; und er greiftbei weitem nicht so tief ein. Denn in Preußen bleibt die Gutswirtschaftauf den Domänen bestehen; nur eine andere Arbeitsverfassung wirdeingeführt, so daß der Bauer dienstfrei und überhaupt ein freier Mannwird, mit Tragung einiger Lasten, um „das Amt“ für den Ausfall zuentschädigen; aber von neu angesetzten Bauern ist hierbei nicht die Rede.Auch das, was Friedrich der Große 1777 getan hat, nämlich Erblich-machung des Besitzes der Domänenbauern 18 , war zwar höchst wichtigund zweckmäßig, läßt sich aber an Schneidigkeit nicht vergleichen mitdem Raabischen System Maria Theresias , das noch dazu 1775, alsozwei Jahre früher, begann und 1777 bereits allgemein eingeführt wurde.
Wenn unter Maria Theresia der Reformeifer etwas Patriarchalisch-gutmütiges hatte, so wächst unter Joseph II. die Aufklärung, dieSchwärmerei für die Menschenrechte, zur Leidenschaft empor, und eswird auf dem Thron als Schimpf und Schande empfunden, daß es noch
17 Knapp , I 81.
18 Derselbe, I 89.