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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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III. Grundherrschaft und Rittergut.

besteigung) an, die Forderungen der gebildeten Leute sozusagen alsDogma empfunden und vorsichtig ausgeführt. Die langsame, abersichere Umwandlung der Domänenbauern in freie Leute und mäßigbelastete Eigentümer fand 1799i 8 o 5 statt; und die völlige Aufhebungder Erbuntertänigkeit, auch für die Privatbauern, folgte dann im Jahre1807 durch das Edikt vom g. Oktober. Hierdurch erst kam Preußenso weit, wie Österreich bereits 1781 gewesen war.

Ein unverwerflicher Zeuge aus Preußen hat dies damals schonempfunden. Im Januar 1809 kam ein Flüchtling nach Böhmen, hieltsich in Prag, Brünn und endlich in Troppau auf und schrieb, siebenMonate nach seiner Ankunft, über die Länder der böhmischen Kronefolgendes 20 :Übrigens ist der Zustand der Bauern in dieser Monarchie,exklusive Ungarn, viel glücklicher wie in Preußen. Sollen wir diesemUrteil trauen? Ich glaube ja, denn der so schrieb, war bis vor kurzemder leitende Minister des Königs von Preußen gewesen; es war derFreiherr Karl vom Stein; und er selbst hatte jenes Befreiungsedikt von1807 mit unterzeichnet; trotzdem sagt er in aller Schlichtheit: derBauer in Österreich ist glücklicher als der in Preußen. Er führt einigeGründe an, die im ganzen darauf hinauslaufen: die Erbuntertänigkeitist in Österreich weit früher allgemein aufgehoben, und auf den Do-mänen hat man unter Zerstückelung des Gutslandes sogar noch vieleneue Bauern mit Eigentumsrecht angesetzt. Der Freiherr vom Stein hattealso einfach recht; und wir sind stolz darauf, daß gerade er diese Wahr-heit gefunden hat.

Hat sich nun Österreich auf dieser Höhe gehalten? Ganz und garnicht. Es hat plötzlich aufgehört weiterzugehen, und nach kurzem Still-stand war es überholt. Der Liberale hat dafür das kurze SchlagwortReaktion. Wir wollen aber einmal genauer Zusehen, was hier eigent-lich vorging, wie weit war die Reaktion gerechtfertigt, wie weit nichtund an wem lag die Schuld, wenn hier die schönsten Hoffnungen fehl-schlugen?

Hier muß man nun den späteren, bekanntlich mißglückten Re-formen Josephs einige Aufmerksamkeit schenken, um so mehr, als sienach langem Scheintod wieder lebendig geworden sind.

Von den josephinischen Reformen ist eine fast ganz unbeachtet in der Literatur geblieben: die Verbesserung der bäuerlichen Be-

20 Pertz, Das Leben des Freiherrn vom Stein, Bd. II, 2. Aufl. 1851, S. 402.