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Geldrenten, die der Bauer weiter zahlt, nicht entfernt ein Ersatz fürden Ausfall. Die plötzliche, ganz unerwartete Nachfrage nach Lohn-arbeitern muß alle Löhne gewaltig steigern — der gutsherrliche Betriebsteht vor einem unvermeidlichen Krach.
Man könnte sagen, der Gutsherr gebe den eigenen Großbetrieb auf; erzerschlage das Gutsland, wie es auf den Domänen durch Raab geschehenist, und errichte darauf eine Anzahl bäuerlicher Wirtschaften. Jedermannsieht aber, daß dies innerhalb eines Jahres unmöglich ist; ein Jahrzehntdürfte nicht ausreichen; denn gerade jetzt ist ja der Bauer seines eigenenBesitzes froh geworden durch Robotlosigkeit —■ wo sollen denn die Ab-nehmer für die zahllosen neuen Stellen herkommen? Kurz, der Gutsherrist ringsum in der größten Verlegenheit.
Der Kaiser konnte nun zwar die Stände ungefragt lassen; er konnteder Hofkanzlei Stillschweigen auf erlegen; aber er konnte den Gekränktennicht den Mund schließen und nicht den Lauf ihrer Federn hemmen. DieFlut der Beschwerdeschriften hatte eben zu steigen angefangen — alsder Kaiser Joseph starb; der rasche Tod hat ihm eine Niederlage erspart,ähnlich derjenigen, die er sich im ungarischen Verfassungskampfe zu-zog. Sein Nachfolger Leopold hat dann sofort die kühne, aber gänzlichunbesonnene Urbarialregulierung wieder aus der Welt geschafft. Die dok-trinäre, eigensinnige, wohlwollende Natur Josephs entbehrte auch hierder Menschenkenntnis und wollte tapfer darauf losgehen, ohne die wirt-schaftlichen Umstände zu erwägen. Daß Leopold hier ohne weitereswieder aufhob, was eben erst verordnet war, ist nicht verwerfliche Re-aktion, sondern ist eine Forderung des politischen gesunden Menschen-verstandes. Auch vergesse man nicht: Leopold hat nur wenige Patente,aber nicht alle Patente Josephs aufgehoben; die Erbuntertänigkeit warund blieb abgeschafft; die Abstiftung war und blieb eingeschränkt.
Josephs blinde Bewunderer könnten sich auf Frankreich berufen.Gerade zur selben Zeit, im Spätjahr 1789 und Frühjahr 1790, habenim jungrevolutionären Frankreich die Unruhen auf dem Lande statt-gefunden, und ihr schließliches Ergebnis war, daß der Bauer grundherr-liche Schlösser stürmte, den Adel mit Knüppeln aus dem Lande jagte,und daß die beschlossene Ablösung der grundherrlichen Rechte schließ-lich in nichts zerrann. Wenn Frankreich das von unten aus erfuhr, wes-halb soll es Österreich nicht von oben her erfahren?
Nun, die Zerstörungswut von Bauern ist im Grunde keine Rechtferti-gung für die Zerstörungswut des persönlichen Regiments; statt beide zu