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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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III. Grundherrschaft und Kittergut.

lieferung und desto schwieriger sind die Lücken auszufüllen, desto will-kürlicher arbeitet die immer rege Phantasie. Der weitaus bessere Wegist der: nicht die älteste, sondern die quellenreichste Zeit zu wählen.Jeder vollständig bekannte Zustand beleuchtet rückwärts auch diefrüheren Zustände; denn in jeder Gegenwart stecken unzählige Über-bleibsel der Vergangenheit. Dies Verfahren hat uns bisher noch stets diegrößten Dienste geleistet. Der Historikei - , der erzählen kann, fesselt unswohl; aber völlig belehrt er uns erst, wenn er auch beschreiben kann.

Erst auf Grund der allergenauesten Kenntnis des 18. Jahrhunderts,dessen Beschreibung die größere Hälfte des Werkes einnimmt, wagt sichder Verfasser an die Geschichte der ländlichen Verfassung, und auchhier geht er vorsichtig nur so weit zurück, als reichliche Quellen zurVerfügung stehen. Was er über die ältesten Zeiten Tacitus , Franken-reich zu sagen hat, ist in einem Anhang versteckt, damit man nichtden Hauptinhalt anzweifle, wenn man sich berechtigt glaubt, diese aller-älteste Zeit anders aufzufassen.

Dieses Ausgehen von einer ganz bekannten, wenn auch neueren Zeit,ehe man der lückenhaften älteren Überlieferung nahe tritt, ist unserwichligster Kunstgriff. Sollte je eine Anleitung zum sozialhistorischenForschen geschrieben werden, so sollte dieser Wink vor allem darin ent-halten sein. Aber ich hoffe, daß niemand eine solche Anleitung schreibt;denn wer solche Künste aus Anleitungen lernen muß, lernt sie nie; gebtuns vielmehr glückliche Vorbilder; an denen kann das werdende Talentsein Licht am besten anzünden! Und dann vergessen wir eines nicht:alle Geschichtschreibung ist, soweit sie über Materialsammlung und-sichtung hinausgeht, durchaus Kunst. Ein neuer Zweig der Geschicht-schreibung, zum Beispiel Entwicklung sozialer Verhältnisse, wird immerneben den älteren Zweigen nur dann und nur soweit zur Geltung undAnerkennung gelangen, als es gelingt, die entsprechende Kunstform zufinden. Gebt der sogenannten Wirtschaftsgeschichte den ihr an-gemessenen Stil, dann wird man ihr ein bescheidenes Plätzlein gönnen.Solange sie aber als Magd in den Festsaal will mit der ordnungslosenBürde bloßen Materials, rufe man ihr entgegen:Du hast kein hoch-zeitlich Gewand an.

I.

Wie das Mittelalter von der liberalen Entrüstung über Leibeigenschaftentstellt wird, so wird das Altertum verzerrt durch liberale Vorliebe fürden ireien Bauernstand. Nicht als ob ich unfreie Bauern vorzöge; man