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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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III. Grundherrscbaft und Rittergut.

Nun findet Meitzen überall in Urdeutschland das Gewanndorf, worauser schließt, daß diese Art der Ansiedelung ganz besonders den Deutschen ,sobald sie einmal zum Ackerbau übergegangen sind, einleuchtend ge-wesen sei. Man liest zwischen den Zeilen als Gründe: die große Gerechtig-keit, die Ordnungsliebe und andere Tugenden, die uns auszeichnen. Dennals Grund für die Gewannbildung wird ja stets jenes Streben nachstreitfreier Austeilung des Bodens betrachtet.

Westlich der Weser sind hingegen überall die bekannten westfälischenEinzelhöfe. Früher dachte man mit Tacitus, daß es in dieser Gegendden Deutschen gemütlicher geschienen habe, familienweise zu wohnen.Anders gibt nun Meitzen die Gründe an. Gerade links der Weser begannauch, nach Westen streichend, das Gebiet der Kelten, in welches dieDeutschen erobernd einrückten. In Irland nun, dem reinsten Keltenboden,den wir kennen, wohnen die Eingeborenen von jeher in Einzelhöfen.Also, sagt Meitzen, der westfälische Einzelhof, auf ursprünglich kelti-schem Boden stehend, ist nicht geschaffen durch die Deutschen , sondernübriggeblieben aus den Zeiten der Kelten. Die Deutschen haben ihn vor-gefunden und für ihre Zwecke eingerichtet. Daraus geht, nach Meitzen,noch ein anderes hervor. Wären die Westfalen bei ihrer Einwanderungschon Ackerbauer gewesen, so hätten sie ja sicher nach urgermanischerWeise Gewanndörfer angelegt; dies taten sie aber deshalb nicht, weil sienoch Hirten waren, und in den keltischen, zur Vieh Wirtschaft eingerich-teten Einzelhöfen konnten sie bequem ihr Hirtentum vorläufig bei-behalten (II, 658), bis sie, an diese Landteilung gewöhnt, später ohneStreit über die Ausgleichung zum Ackerbau übergingen. Auch das west-fälische Bauernhaus erinnert nach Meitzen durchaus an das dreischiffigeHaus der Kelten.

Man wird hier um so rascher zustimmen, je mehr man davon über-zeugt ist, daß es zum Germanentum gehört, Gewanndörfer zu gründen,zum Keltentum, Einzelhöfe zu haben. Denn auf der vorausgesetztenIdentität der beiden Unterscheidungen: Wohnart und Nationalität, be-ruht alles.

Aber wer verbürgt diese notwendige Übereinstimmung? Gerade aufdem besten Boden Westfalens , auf dem Hellweg, liegen ja Gewanndörfer,wie ausdrücklich hervorgehoben wird. Sollten nicht Gewanndörfer dembequemen, ebenen, fruchtbaren Boden zuliebe gewählt sein, und demwelligen Lande, das mannigfach durchschnitten ist, zuliebe die Einzel-höfe?