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IV. Geldtheorie.
steht nach und nach aus Bruchstücken, die von den Praktikern dar-geboten werden, — das weiß jeder Historiker — und erst nachträglichwird das so Gewordene durch die Rechtshistoriker auf seine Grund-gedanken zurückgeführt. Dies für das Gebiet des Geldwesens zu leisten,ist das Ziel der staatlichen Theorie des Geldes.
Aus dem Bericht von B. Hilliger über den Verlauf des zweiten Tagesder neunten Versammlung deutscher Historiker, Stuttgart , 17. bis21. Mai 1906 fügen wir folgende Stelle hier ein (Historische Viertel-jahrschrift 1906, Heft 2, Seite 297):
Der Abend dieses Tages brachte noch einen öffentlichen Vortrag über„Die rechtshistorischen Grundlagen des Geldwesens“ von demStraßburger Nationalökonomen Professor Dr. Georg FriedrichKnapp. Seine Ausführungen richteten sich gegen die Meinung derMetallisten, welche mit den zwei Stichworten Metall und Kredit unserganzes Geldwesen zu erklären versuchten. Ihre Theorie scheitere anden Erscheinungen der Gegenwart und den Erfahrungen der jüngstenVergangenheit. Eine so abnorme Geldverfassung wie die österreichischeValuta von 1866 bis 1892 spotte der Einordnung in dieses System.Könne aber eine Theorie als richtig gelten, wo die Ausnahme mit derRegel kämpfe? Nein, man müsse beide unter einen Hut bringen. DieTheorie der Metallisten sei zu eng, sie sei nicht völlig wahr. Das Metallhabe nicht die ausschlaggebende Bedeutung, die man ihm für die Wäh-rung zuschreibe, denn jede Zahlung bliebe eine Nominalzahlung, diesich in Deutschland mit Aushändigung von Metall, in Österreich vondamals aber ohne eine solche abgespielt habe. Entscheidend für dieOrdnung des Geldwesens wäre in allen Fällen die Rechtsstellung, dieihm der Staat verleihe, denn er bestimme die Geltung, die das einzelneGeldstück haben soll. So bleibe das Geldwesen selbst nur ein Geschöpfdes Rechts. — Die Rede Knapps war eine geistvolle Betrachtung, vor-getragen mit der bewundernswerten Redekunst eines großen Virtuosen,der man gern zuhörte, auch weil sie mit zahllosen großen und kleinenBosheiten gespickt war gegen alle anderen Menschen, die nicht seinerAnsicht wären. Die Tendenz, von der sie getragen war, lag vielleichtnoch tiefer, als es in seinen Worten zum Ausdruck kam. Wie einehistorische Anekdote, auch wenn sie nicht wahr ist, mitunter treffendeine Lage oder eine Person beleuchtet, so wurde auch hier, 'ob wahr