Über die Theorien des Geldwesens.
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das Geldwesen so einrichten, daß auf den Börsen der österreichischeGulden stets für 1,70 Mk. zu haben ist. Dieser Entschluß ist löblich,insofern dann alle Schwankungen aufhören. Zu diesem Zwecke habt ihreuer goldenes Kronengeld geschaffen. Wenn der Staat immer damit be-zahlt, dann erreicht ihr euer Ziel. Mit der neuen metallistischen De-finition der Krone ist es aber trotzdem nichts, aus ähnlichen Gründenwie es 1857 nichts war mit der silber-metallistischen Definition desGuldens. Indessen wollen wir einmal sehen, ob ihr zur Barzahlung über-gegangen seid oder nicht.
Und was ist geschehen? Österreich ist bis heute nicht zur Barzahlungin Goldstücken übergegangen. Die goldenen Stücke zu 10 und 20 Kronenliegen eingesperrt; niemand hat das Recht, Banknoten in Goldstückeneinlösen zu lassen. Das ist wahr, sagt der Metallist; aber die Reformist noch nicht fertig, die Hauptsache kommt noch!
Da erwidert aber die Staatliche Theorie: Ihr werdet wohl vergeb-lich warten; denn die Hauptsache ist in der Tat erreicht; ohne Bar-zahlung ist der österreichische Kurs auf der Börse fest, er beträgt fürden Gulden 1,70 Mk! Weshalb denn nun Barzahlung?
Welch eine Überraschung! Die Metallisten wußten für das löblicheZiel nur ein Mittel; das löbliche Ziel wurde aber von der Praxis erreichtauf anderem Wege, und nun zürnt der Metallist.
Man denkt hier an den jungen Roland, der den Riesen erschlug,während sein weit klügerer Vater schlief.
Die unbefangenen Praktiker im Wiener Finanzministerium und inder Österreichisch-ungarischen Bank haben die Befestigung des deutsch -österreichischen Kurses erreicht, und zwar bis jetzt ohne Barzahlung inGold. Das scheint mir viel verdienstvoller als die Einseitigkeit der Me-tallisten, die als programmatische Theoretiker eine Schulmeinung ver-herrlichen, die viel zu eng ist und eigentlich nur den Vorzug hat, leichtverständlich zu sein, weil sie den Vorurteilen der Menge entgegenkommt.
Zu diesen Vorurteilen gehört die geringe Rücksicht auf die Mit-wirkung des Staats in allen Fragen der ökonomischen Entwicklung. Manbraucht nur das Wort „Staat “ auszusprechen, so stößt man bereits aufeine instinktive Abneigung bei allen Vertretern der klassischen Richtung,die immer nur vom Volk etwas hören wollen. Insbesondere die Ein-richtungen des Geldwesens sollen, nach ihnen, aus dem Volk als solchemhervorgehen! Man hört sogar sagen, „das Volk schafft sich seine Zah-lungsmittel“. Tut dies wirklich das Volk ohne Mitwirkung des Staats?
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