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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Österreich und die staatliche Theorie des Geldes. 293

zwischen diesen beiden Staaten nur eine Brücke gibt: den börsemäßigenHandel, das Angebot und die Nachfrage.

Die Leute wollen immer so tun, als gebe es an sich einen festenWechselkurs. Das gibt es aber nicht. Der Wechselkurs ist seiner Naturnach ein schwankendes Ding, das nur durch besondere Umstände be-festigt werden kann. Dies ist die verwaltungsrechtliche Auffassung, wo-bei natürlich auch die materielle, die technische Beschaffenheit derStücke mit erwogen wird. Und da wollen wir nun einmal die Frage auf-werfen: Wie steht es mit der Regulierbarkeit der Wechselkurse?

Während der letzten Jahrzehnte, etwa bis zum Jahre 1890, war ganzallgemein die Überzeugung verbreitet, die Wechselkurse seien Schick-sale, denen sich die Staaten unterwerfen müssen. Der Finanzministcrhat damals des Morgens mit immer größerem Unbehagen den Kurs-zettel gelesen und ist verärgert auf sein Bureau gegangen, wenn derWechselkurs gegen seine Wünsche etwa gesunken war. Er dachte etwa:eine unglückliche Konjunktur, schade, daß das gerade in mein Mini-sterium fallen muß, es wäre doch viel schöner gewesen, wenn dies'meinem Vorgänger passiert wäre. (Heiterkeit.)

Hier ist also die Vorstellung herrschend, daß man sich gegen dieSchwankung des Wechselkurses, auch wenn man Finanzminister ist,nicht wehren kann. Was sehen wir nun in neuester Zeit? Ist es Ihnennicht auf gef allen, daß der russische Wechselkurs, trotz des japanischenKrieges, der für Rußland doch wahrhaftig ein Aderlaß ersten Rangesgewesen ist, sich seit dieser Zeit zwar etwas gesenkt, aber doch verhältnis-mäßig sich nur wenig ungünstig für Rußland gestaltet hat. HundertRubel 216 Mk. war die Notiz auf der Berliner Börse im Jahreigo 3 . Dann kam der für Rußland unglücklich ausgefallene Krieg, undjetzt notieren 100 Rubel zwar nicht 216, sondern etwa 2 i 4 Mk. DieDifferenz ist also gegenüber dem Jahre 1903 vor der Zeit des japani-schen Krieges für den Rubel 1 0/0. Also gewiß sehr gering. Und daskommt daher, weil die Russen eine Regulierung ihres Wechselkurseshaben und der Mann, der das macht, der heißt Mendelssohn. (Heiter-keit.) Mendelssohn in Berlin hat zwei Kassen, in der einen liegen dieRubelnoten, in der anderen die Marknoten, und da bekommt er vomrussischen Finanzminister den Auftrag, den Rubel zu 214 Mk. und dieMark zu soundso viel Kopeken auszuwechseln. So ist die Schwankungdes Rubelkurses einfach verschwunden, weil der Staat in den Börsen-kampf eingesprungen ist und als übermächtiger Kämpfer miltut. Frei-