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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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V. Lehrer und Freunde.

keinem näher und ein leises Gefühl davon beherrschte alle, die ihnumgaben.

Er beherrschte sich vollkommen, auch damals, als die Versamm-lung in vielköpfiger Zerstreutheit den Schluß der Debatte annahm,während er, der Vorsitzende, noch auf der Rednerliste vorgemerktwar. Wir hatten den Sachkenner, unseren Präsidenten zum Schweigenverurteilt! Er wurde bleich und zog sich in eine Ecke des Saales zurück;seine Hand spielte hastig mit der Uhrkette. Als einige Herren begütigendund besänftigend auf ihn einredeten, antwortete er nichts; er bestiegnach einigen Minuten seinen Sessel wieder und verkündigte ruhig undfest den Schluß der Debatte. Keiner aus der Menge ahnte, was in ihmvorgegangen war.

Das parlamentarische Auftreten war ihm zur zweiten Natur geworden.Wie seine Gestalt, so unterstützte ihn seine markige Stimme und diekräftige Betonung seiner vorsichtig erwogenen Sätze mit der entschiedennorddeutschen Aussprache. Er hatte, obgleich in Bonn geboren, nichtdie Spur vom Rheinländer an sich: wie unser früh verstorbener FreundAdolf Held der höchste Ausdruck des beweglich süddeutschen Wesenswar, so stellte Nasse die reinste Spielart des westlichen Niederdeutschen,des Westfalen dar. In der anmutigen Landschaft des Siebengebirgesstand er fremd, wie mitten im zarten Buchenwald ein Eichbaum, starkund einsam, der seine knorrigen Äste wagrecht ausstreckt.

Die Stimmung der Versammlung unseres Vereins ergriff ihn nicht,er blieb über ihr, wie der Leiter es soll. Mitunter war unser Saal etwasspärlich besucht, und eine gewisse Öde lagerte sich über die dünn be-setzten Stühle. Eine empfindsamere Natur, als er, wäre leicht in Mit-leidenschaft gezogen w'orden und hätte mit ängstlicher Bescheidenheitdie Versammlung eröffnet. So war es bei Nasse nicht: als wenn erTausende vor sich gehabt hätte, rief er fest und laut zur Wahl einesVorsitzenden auf, und die Kraft seines Wortes erfüllte uns alle mitdem Gefühl, als wenn wir uns verzehnfacht hätten.

Nur wenige Besucher solcher Versammlungen, worin fünf Stundenohne Unterbrechung verhandelt wird, wissen, was sie ihrem Vorsitzen-den zumuten. Schon die aufmerksame Verfolgung aller Reden ist keineKleinigkeit; dann die vielen persönlichen Wünsche und Anliegen, dietaktvolle Beseitigung von Zwischenfällen, die Leitung des Redewirbelsin feste Bahn. Hat man sich, nach Schluß, zu Tische begeben, so sollnoch gute Laune für einen Trinkspruch übrig sein, und nach Tisch,