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V. Lehrer und Freunde.
dort, waren alte Freunde, dort ging es ruhiger her; der größere Wir-kungskreis Berlins war für ihn keine Lockung. Eine Dozentennatur warer nicht, er wählte, wie ein stiller Gelehrter wählt, und bereute es nie.Denn er war eben ein stiller Gelehrter, ein Mann, wie sie früher häufigerheranwuchsen als jetzt. Was andere darüber denken mochten, das warihm einerlei.
Seine Arbeitsweise war ganz anders als die seiner Fachgenossen. Dergeistvoll konstruierende Lorenz v. Stein in Wien ist sein Gegenpol; dennIlanssen systematisierte nie und war groß in der Einzelforschung, vonder jener nichts wissen wollte. Der Münchener Staatsrat v. Hermannwar ein ganz hervorragend dogmatisch angelegter Kopf: Ilanssen wares, wie erwähnt, gar nicht. Wilhelm Roscher in Leipzig , mit seineralles berührenden Belesenheit, schrieb große, vielbändige Werke. „Dazubin ich nie gekommen“, pflegte Hanssen zu sagen, und man wußte nicht,ob es nur Bescheidenheit war oder auch ein wenig Schalkheit, wenner dies so ruhig zugab. Eine gewisse Ähnlichkeit hat er mit II. v. Thünen,nur war dieser ein Autodidakt, und Ilanssen war ein Gelehrter; aberbeide arbeiteten mit Vorliebe über landwirtschaftliche Betriebssysteme,beide taten es monographisch, beide standen durchaus auf deutschemBoden, ohne Abhängigkeit vom Auslande.
Hanssens liebstes Forschungsgebiet war die Dorfverfassung und ins-besondere die Gemengelage der Äcker auf der Flur. Dazu hatte ihn frühein Däne, Olufsen, angeregt, dessen Ergebnisse er mitgeteilt und dannweitergeführt hat. Von hier aus wagte er die sonderbare Agrarverfassungder sogenannten „Gehöferschaften“ im Regierungsbezirk Trier zuschildern. Es sind dies Bauernschaften an der Saar , die noch inmittenunseres Jahrhunderts periodisch ihre Äcker und sogar ihre Feldgärtenneu verteilten, freilich nur im Umkreise der Berechtigten. Für den Land-wirt Schwerz war dies nur eine Seltsamkeit gewesen. Ilanssen schildertedie ganze Sache aus dem Vollen, so daß man sie begriff und vernünftigfand; daß er diese Verfassung für älter hielt, als sie zu sein scheint,bedeutet nicht viel; die Hauptsache war, daß er den fremdartigen Zu-stand in seiner Ganzheit faßte und völlig zur Anschauung brachte. DieAbhandlung hierüber wird stets eine Quelle der reichsten Belehrungbilden; wer sie nicht versteht, der hat noch etwas zu lernen; sie istsozusagen der Prüfstein, ob man die Anfängerschaft hinter sich hatoder nicht.
Ein anderes seiner großen Themata war die Frage nach dem ältesten