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V. Lehrer und Freunde.
Mann zusammenbleiben und mit nie nachlassender Spannung bis in dieentlegensten Gebiete folgen, dann weiß man, was die Quelle wert ist,und dieser Beweis wird Jahr für Jahr geführt — nur darf ich leidernicht verraten, an welcher Universität es geschieht.
Dem alten Herrn ist dieser Umstand nicht verborgen geblieben, under müßte von Stein gewesen sein, wenn er sich nicht darüber gefreuthätte. Er fürchtete einmal, den zweiten Band seiner Abhandlungen nichtmehr fertig herausgeben zu können und bat damals seinen jüngerenVerehrer, im Notfälle für ihn einzutreten. Glücklicherweise ist es nichtnötig gewesen.
Schon um Ostern 1893 war der hochbetagte Forscher schwer be-drückt durch die Leiden des Alters. Er saß in Kissen eingebettet aufdem Sofa, erkundigte sich aber voll Teilnahme nach jüngeren Fach-genossen, sogar nach den allerjüngsten; er klagte nur, daß ihm das Aus-gehen schwer falle, und daß er längere Schriften nicht recht bewältigenkönne. Beim Abschied wollte er aufstehen, aber es ging nicht ohneHilfe: man mußte ihm beide Hände reichen, und so schwang er sichin die Höhe, wurde wieder der Alte, als er stand, und konnte nicht genugGlück auf den Weg wünschen. Er schlang zum Abschied die Arme umseinen Besucher und drückte ihn an sich.
Unten auf der Straße war es einem zumute, als wäre man schonZeuge seines friedlichen Hingangs gewesen; auch die friedlichsteTrennung erschüttert, und man sucht Trost in dem Gedanken, daß erwenigstens wisse, wie sehr man ihn geliebt habe.
Ilanssen stammte aus einer Zeit, in der es auf deutschem Bodennoch keine Sozialpolitik gab. Die großen Gegensätze der gesellschaft-lichen Klassen schlummerten in seiner Jugend noch. Er schrieb zunächstnur die Geschichte der Wirtschaft, aber indem er dies tat, ebnete er einerjüngeren Generation den Weg. Seine Schüler, die der zweiten Hälfte des19. Jahrhunderts entstammen, haben die sozialpolitische Seite der Ge-schichte des Kitterguts hinzugefügt. Der Meister hat sie hierzu nicht auf-gefordert und nicht angeleitet; aber ohne ihn, das heißt, ohne seinegrundlegenden, gedankenreichen Schriften, wäre das nie unternommenworden. Deshalb nennen wir den Namen unseres Lehrers stets mit Dank-barkeit und Ehrfurcht, denn er ist als Forscher groß gewesen, undvom Forschen allein lebt schließlich doch die Wissenschaft.