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V. Lehrer und Freunde.
selbstgesteckte Ziel.“ Offenbar eine innere Krisis. Er wollte nicht seinenLebenslauf dem harmonischen Eindruck verdanken, den er überall her-vorrief. Er wollte von sich aus einmal etwas Größeres wollen und esdurchführen, sei es mit anderen oder gegen sie. Seine Stellung in derWissenschaft sei doch nur etwas Halbes. Er, der so viele eigenartige undhärtere Persönlichkeiten liebevoll verstanden und geduldet hatte, wolltenun gern auch seine eigene Natur zu festerem Zusammenhalte und zudichterem Abschluß bringen.
Also „wieder Professor werden“ konnte für ihn nur bedeuten: festenFuß fassen in der gelehrten Forschung. Früher hatte er zuweilen Sachengeschrieben, die er „wissenschaftliche Gelegenheitsschrift“ nannte, undwozu er sich nur eine Woche oder zwei Zeit nahm, wie man von 'seinerSchrift „Sozialismus, Sozialdemokratie und Sozialpolitik“ behauptete.
Zu ausdauernder Forschung bot sich damals allen jungen Gelehrtender durch Karl Marx wieder aufgeweckte Sozialismus dar. Alle Auf-merksamkeit wendete sich der Arbeiterfrage zu. Aber Held war keinSozialist und wurde auch keiner.
Der Sozialismus, philosophisch betrachtet, ist ein Entwurf zu künf-tiger Rechtsgeschichte. Sozialistisch ist es, die Rechtsinstitute der Gegen-wart aus den wirtschaftlichen Beziehungen der Menschen zu begreifenund die Rechtssysteme als wandelbar, die Ansprüche der unteren Klassenauf Lebenshaltung als fest zu betrachten. Diesen Ansprüchen gegenübergilt das Privatrecht wenig, das öffentliche Recht nichts. So entwickeltsich fast überall die sozialistische Überzeugung zur fanatischen Ge-sinnung.
Ganz anders Held. In seinem „Grundriß “, den er früh drucken ließ,wird dem bestehenden Recht die größte Aufmerksamkeit gewidmet, denner hatte die Jurisprudenz nicht nur oberflächlich betrieben. Aber dieKluft, die ihn vom Sozialismus trennte, öffnete sich noch an eineranderen Stelle. Es gehört ein phantastischer Zug dazu, wenn man seinAuge nur auf die fernste und nie auf die nahe Zukunft richtet; unddieser phantastische Zug war unserem Freunde ganz fremd. Er war er-findungsreich, durch und durch versöhnlich, nie um Auskunft verlegen,also ganz und gar gemacht, stets an die allernächsten Schritte zu denken.Die Zukunft ließ er auf sich beruhen.
Auch entging ihm nicht, daß der Sozialismus als Glaube andereGlaubenssätze unterwühlt, also zum Beispiel den Glauben an die Ab-geschlossenheit der Völker. Der Sozialismus setzt sich also dem Gedanken