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V. Lehrer und Freunde.
nur vereinzelte Individuen zu sehen, nirgends die Bildung von Körper-schaften zu beobachten — alles das war ihm ganz unsympathisch. Erschloß sich ganz dem damals aufkommenden Kalhedersozialismus anund hoffte dieser Richtung einen wissenschaftlichen Dienst zu leistendurch Darstellung der sozialpolitischen Geschichte Englands in einemweitherzigeren Sinn, in breiterer Gestalt, mit Einschluß der beim So-zialismus beliebtesten Kapitel, aber nicht mit Ausschluß der übrigenGedankengänge. Wenn ihm auch mancherlei abging, zum Beispiel dieSchulung durch ein historisches Seminar, so war es ihm doch nicht bangeum das Gelingen seiner Arbeit, denn er besaß dafür andere Vorzüge:tiefes Verständnis für das politische Parteilreiben. offenen Sinn für dasDurcheinander geistiger Strömungen und endlich ausgebildetes Gefühlfür das Maß des Möglichen.
Mil diesen Instinkten — so dachte er sich — stürze ich mich in denStoff hinein und werde nach meiner Art etwas Brauchbares liefern.Er entwarf den Plan seines Werkes: es sollte eine vierbändige sozialeGeschichte Englands werden, wovon der erste Band sogleich in Angriffgenommen wurde.
Dieser Band mußte die Grundlagen der modernen Verhältnisse zumGegenstand haben. Es ergeben sich daher zwei Fragen. Erstens: wiesind die Engländer zu ihren heutigen politischen und sozialen An-schauungen gekommen? Darauf konnte eine Antwort nur gegebenwerden durch Studium der entsprechenden Literatur. Und zweitens: wiehat sich in England die Großindustrie entwickelt? Hierüber kann mannur Aufschluß finden durch das Studium der Gesetzgebung und der vor-bereitenden amtlichen Schriften, der sogenannten Parlamentspapiere oderBlaubücher.
Um sicher zu sein, daß er sein Quellenmaterial vollständig und vonVorgängern unabhängig vor Augen bekomme, reiste Held nach London ,zuerst im Jahre 1875 auf ein Vierteljahr, dann im Jahre 1880 nocheinmal auf vier Wochen. Man kann sich leicht vorstellen, daß er bei seinerherzgewinnenden Natur nicht leicht vergebens anklopfte. Die Beamten desbritischen Museums, der Schriftsteller Cliffe Leslie , der ArbeiterfreundLudlow bemühten sich wetteifernd, ihm zu dienen, und sogar zurück-gezogene demokratische Graubärte wie Lovett schlossen ihm ihr Herzauf. So wußte er seine Gaben, die bei anderen nur auf dem Felde derLiebe verwertet worden wären, in den Dienst der Wissenschaft zu stellen.
Reich beladen mit Büchern und Notizen, glücklich, endlich einmal in