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V. Lehrer und Freunde.
auf bürgerlicher Seite wenigstens, daß die Maschinerie dem Arbeiter diegrößte Last abnehme und ihm daher noch nütze. Davon kann heute nichtmehr die Rede sein; aber auch die erste Behauptung ist falsch. Die Groß-industrie ist, nach Held, nicht das Kind einer vollkommener gewordenenTechnik; die Technik ist vielmehr das Kind der Großindustrie. Das Auf-kommen der Großindustrie ist nicht eine Erscheinung der Technologie,sondern ein Ergebnis veränderter Gewerbeverfassung; sie hätte entstehenkönnen auch ohne Umwälzung der Technik, ja, sie ist bereits ins Lebengetreten, ehe es die fensterreichen Fabrikgebäude und die hohen Schlotegab.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts, als um die Stadt Manchester noch Hausweber auf dem Lande saßen, war die Großindustrie doch schonüberall da vorhanden, wo diese Hausweber nicht auf eigene RechnungGarn einkauften und Tuch verkauften, sondern von einem kaufmänni-schen Unternehmer Garn geliefert bekamen und das Tuch gegen Lohn indas Lager des Kaufmanns ablieferten. Denn da hatten die kleinen Leutebereits aufgehört, Handwerker zu sein, und waren Arbeiter, zerstreutwohnende Arbeiter eines Großbetriebes geworden. Der Unternehmer hin-gegen war vom bloßen Händler zum Anordner und Leiter der techni-schen Produktion aufgestiegen. Dies aber ist der entscheidende Punkt:Oberleitung der Technik für die Zwecke des Kaufmanns an Stelle desStillebens kleiner Handwerker, die zwar selbständig aber des Marktes un-kundig sind.
Daß der Kapitalist später seine zerstreuten Arbeiter sammelt und dieverbesserten Webstühle mit Dampfkraft betreibt, dies begründet nicht,sondern verstärkt nur die Herrschaft des Kapitals auf dem Boden derIndustrie. Ganz ähnlich liegt es in der Spinnerei, die wir übergehen. —
So weit war Held mit seiner Arbeit gekommen; der erste Band, frei-lich nur in erster Niederschrift, war fertig. Aber der schnell arbeitendeVerfasser durfte hoffen, die Kürzungen und Umstellungen in wenigenWochen auszuführen. Er entwarf noch schnell ein Vorwort, hinterlegtedie Handschrift bei der Reichsbank in Berlin und reiste mit erleichtertemHerzen zur Erholung am 2. August 1880 in die Schweiz . Das tun all-jährlich Tausende, und es wäre kaum der Erwähnung wert, wenn esimmer so abliefe wie es meistens abläuft. Wer aber kann wissen, wasmorgen geschieht!
Unser Freund begab sich an den Ausfluß des Thuner Sees, in dasHotel Bellevue; seine Frau war mit ihm. Er brachte, wie immer, Leben