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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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V. Lehrer und Freunde.

llefenzelle getrennt werden, also ohne Gegenwart der Zellen, die Zuckcr-lösung in Gärung versetzen.

So haben also beide Forscher recht, jeder auf seine Weise, unddie großen Gegner könnten sich heute in Freundschaft die Hände reichen.

Aber all dies ist den Männern der Wissenschaft längst geläufig.Weniger klar dürfte ihnen die Persönlichkeit des Mannes sein. Manweiß in der Regel nur, daß er ein gewaltiger Herr gewesen sei, undsein äußeres Bild ist weit bekannter als sein Seelenleben, da ja begreif-licherweise die Naturforscher in der Regel die psychologische Seite ihrerhervorragenden Fachgenossen wenig beachten. Eine heilsame Selbst-beschränkung, die aber geradezu herausfordert, die Lücke auszufüllen.In diesem Sinne soll hier in anspruchsloser Weise allerlei erzählt werden,was nur seiner nächsten Umgebung bekannt ist, um das Bild des Mannes,wie es den Zeitgenossen erschien, lebendig zu erhalten. Versetzen wiruns nach München und etwa in die Zeit von 1861/62.

Es war Ball im Hause gewesen; wie immer nach einer schlechtenNacht kam Liebig sichtlich müde in den Hörsaal, und schon ehe er hinterdem Experimentiertische stand, hörte man ein leisesach ja, ach ja ausseinem Munde. Der Assistent, bescheiden an die Wand gelehnt, ahnteSchlimmes. Es war vom Kohlenstoff die Rede.Diamant, nicht wahr,ist kristallisierter Kohlenstoff; hier zeige ich Ihnen einen Diamanten.Im blauen Schächtelchen sollte er liegen; der Professor öffnete es, hoblangsam die Walte heraus und der Diamant war nicht da.Nun,Herr Doktor, wandte er sich zum Assistenten,wo ist der Diamant?Der Angeredete zog die Schultern in die Höhe und zuckte am ganzenKörper antworten durfte er ja vor versammeltem Volke nicht. DieZuhörer fühlten den nahen Krach und wurden von Mitleid ergriffen.

Mit ungeduldigem Ernst fuhr der Professor fort:Herr Doktor,wo ist der Diamant? Peinliches Schweigen und abschüttelnde Be-wegung der Arme.Ich muß von Ihnen den Diamanten fordern. Deralso Gequälte trat vorsichtig heran, befühlte die Watte und der Dia-mant lag darin! Ohne die geringste Ahnung von der menschlichen Seitedes ganzen Vorgangs fuhr der Professor in voller Ruhe fort:Also,meine Herren, der Diamant wie Sie sehen ist kristallisierterKohlenstoff. Der Assistent lehnte sich im Hintergründe behaglich andie Wand, sein Gesicht rötete sich von der erlebten Genugtuung, und dieZuhörer atmeten befriedigt auf.

Die Entdeckung des Broms konnte Liebig nur mit schmerzlicher