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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Justus von Licbig.

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Bewegung vortragen.Ich war damals ein junger Mann von a3 Jahren.Bei der Eindampfung der Ivreuznacher Mutterlauge erhielt ich einebraune, scharf riechende Flüssigkeit; ich klebte einen Zettel auf dasFläschchen und schrieb daraufChlorjod, denn ich hatte mir eiligsteinen Vers darüber gemacht. Kurze Zeit darauf erschien die berühmteAbhandlung von Balard, worin jener braune Stoff als neues Element,Brom , erkannt war und das Fläschchen mit der harmlosen Inschriftstand noch auf meinem Tisch! Meine Herren, es war das letztemal,daß ich mir über irgend etwas einen Vers gemacht habe! Niemals,,niemals darf man das tun, niemals, meine Herren! Längere Pause weh-mütiger Erinnerung denn Liebig hat in der Tat kein neues Elementmehr gefunden.

Was in der Natur, ohne Zulun des Menschen, Chemisches oder Physi-kalisches vorgeht, war selbstverständlich auch Liebigs Fall. Als er aufeiner flandrischen Reise mit einem dortigen Freunde nach Amiens kam,wurde ihm der Dom gezeigt. Sein erster Gedanke war, ob man die vor-schreitende Verwitterung solcher Gebäude nicht aufhalten könne durchAnwendung von Wasserglas. Damals wurde die Neue Münchner Zeitunggegründet, und in deren erster Nummer trug Liebig diesen Plan vor,gewiß zum größten Vergnügen seines Kollegen Fuchs, der das Wasser-glas erfunden hatte. Der Baumeister ist hilflos gegenüber der Verwitte-rung; der Chemiker hat die schöne Aufgabe, der Atmosphäre Trotzzu bieten. Als später Pettenkofer die Regeneration der Ölgemälde erfand,regten sich unter den Chemikern ähnliche Empfindungen.

Als einmal ein begabter Kandidat im Examen stand, legte ihm Liebigdie Frage vor:Nun, Herr Kandidat, was ist der Zahn der Zeit imAuge des Chemikers? Eine Frage, die wegen ihrer höchst persönlichenFassung so bezeichnend war, daß sie von da an sprichwörtlich wurde.

Wenn der Gießener Physiker Heinrich Buff die Mathematik lobte,so sagte Liebig:Nun, sie ist ein Federmesser. Hierbei lag die Ab-neigung zugrunde, die alle morphologischen Denker gegen das reinFormale hegen, und es sollte zugleich angedeulet werden, daß hilf-reiche Rechner ebenso leicht zu finden seien wie Leute, die einem Schrift-steller die Feder schneiden. Er hatte sogar eine Geringschätzung gegenStadtpläne und fand, wenn er in London aufs Pflaster trat, seinenWeg mit Unfehlbarkeit allein.

Grausam absprechend war er oft gegen die Medizin, er, der für diePhysiologie so viel Anregung gegeben hatte.Die Medizin ist gar keine