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V. Lehrer und Freunde.
Wissenschaft“, pflegte er seinem Schwiegersohn, dem ChirurgenThiersch, entgegenzuhalten. „Mag sein,“ erwiderte dieser, „aber sie istdie Kunst, Kranke zu heilen.“ Dagegen war freilich nichts einzuwenden.
Von den historischen Wissenschaften war er noch weniger erbaut,doch griff er sie nicht an: er hatte gar kein Verhältnis zu ihnen. Nurdas stand fest — sie lagen ihm tief unter den Naturwissenschaften;,sie gehörten in seinem Sinne zur Gelehrsamkeit, und dies Gebiet warkaum geduldet. Der Gelehrte weiß ja nur, was irgendwo geschriebensteht; der Gelehrte war ihm nicht der Mann des Forschens, sondernsozusagen der Schriftwart. Wenn ein Gelehrter, zum Beispiel John StuartMill , etwas schrieb, so mußte es eine Verherrlichung der Naturwissen-schaften sein, wenn es einigermaßen gewürdigt werden sollte, etwa Lob-reden auf die induktive Methode. Nebenher wurde dann der Verfasserein wenig bedauert, daß er nur das Lob vorzutragen, aber nicht dieKunst selber auszuüben verstehe.
Der Referent im Ministerium des Unterrichts hatte einmal eine heikleSache mit Liebig zu besprechen. Um die Vorschläge des Ministers an-nehmbar zu machen, hatte sich der Herr Rat der Wendung bedient:„Als Gelehrter werden Sie das zu würdigen wissen.“ Da fuhr Liebigauf: „Als Gelehrter? Ich glaube gar, Sie wollen mich als Gelehrtenbetrachten; aber es tut mir leid — Sie wissen gar nicht, was ich bin;ein Gelehrter habe ich niemals werden wollen.“ Der erstaunte Herrhielt es für geraten, das Geschäft einstweilen auf sich beruhen zu lassen,und nahm bei der nächsten Pause des Gespräches Abschied.
Noch in den Anfängen der Gießener Zeit, also vor i 852, ereignetesich folgendes. Um den Bau des dortigen Laboratoriums durchzusetzen,schrieb Liebig an den hessischen Minister: „Bei der allgemein bekanntenFürsorge Eurer Exzellenz für die Wissenschaften.. .“ und gleichzeitigan einen befreundeten, einflußreichen Rat im Ministerium: „Bei derallgemeinen Gleichgültigkeit Ihrer Regierung für unsere Universität bitteich Sie, mein Gesuch kräftig zu unterstützen.“ Beim Adressieren wurdendie Briefe verwechselt. In der nächsten Sitzung in Darmstadt tauschtender Minister und der Vortragende Rat lächelnd ihre Schriftstücke aus;der Minister sagte kein Wort — und das Laboratorium wurde ge-baut! —
Die tiefgreifendste Wirkung auf seine Lebensweise übte ein Unfallaus, der ihn im Herbste i85g betraf. Er war in Passau in einem Gast-hofe abgestiegen, dessen Schwelle mit einer eisernen Platte belegt war,