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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Justus von Liebig .

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die wie ein Spiegel glänzte. Liebig glitt aus und zerschmetterte sich dieeine Kniescheibe. Sein telegraphisch berufener Schwiegersohn eilte ausErlangen herbei, ließ einen hölzernen Tragstuhl bauen und brachte denVerletzten nach München . Die Heilung dauerte lang und war für denlebhaften Mann äußerst qualvoll. Es dauerte viele Wochen, bis er so weithergestellt war, daß er am Krückstock ausgehen konnte. Den Krückstockhat er von da an immer geführt; Treppen pflegte er nach Möglichkeitzu vermeiden; im Hause beschränkte er sich auf das Erdgeschoß, wäh-rend die Familie oben wohnte. Auf den regelmäßigen Spaziergängenam Nachmittage pflegte ihn nun eine der Damen des Hauses zu be-gleiten; zur Vorsicht wurde er sogar oft geführt.

Von Ausgehen am Abend, etwa zu Freunden, war nun keine Redemehr; aber die Freunde erschienen um so regelmäßiger bei ihm: derMinister von Zwehl, der Physiker Philipp Jolly, der Anatom TheodorBischoff , mitunter auch der viel beschäftigte Kliniker Karl Pfeuffer.Dann wurde der Tee mit der Familie im Speisesaal getrunken, vorheraber und nachher eine Partie Whist im Arbeitszimmer, das danebenlag, gespielt.

Dies Zimmer war mit einer hochgewölbten Decke versehen, weil esmit zum Laboratorium gehört hatte, ehe der Neubau errichtet war. EinLaborant gehört in ein gewölbtes Gemach auf allen Gemälden undKupferstichen findet man es so. Gaslampen waren an beweglichen Armenangebracht, damals etwas Neues. Der hochbepackte Schreibtisch bliebunberührt. Ein leichter Spieltisch wurde in die Mitte des Zimmers ge-stellt, und die Sitte des Schweigens wurde strengstens gewahrt: es warja Whist. Jeder Teilnehmer hätte sich entehrt gefühlt durch ein lautesWort oder eine heftige Gebärde. Die silberne Dose mit dem trocknen,hellen Tabak lag vor dem Platze des Wirtes, der Prisen zu nehmenpflegte. Man sagt, daß er gut spielte. Gröbere Fehler des Partners emp-fand er als Beleidigung.

Wenn keine Gäste da waren, pflegte er sich abends ebenfalls in seinZimmer zurückzuziehen; er lag dann halb ausgestreckt auf einem Sofa von oben fiel das Licht herab und las mit weit vorgestrecktemBuche allerlei Anregendes, besonders Reisebeschreibungen. Seine Zügewaren dabei lebhaft gespannt, als wenn er das Wort ergreifen wollte;seine stets rege Phantasie spielte offenbar mit den entlegensten Dingen.

Seine abendliche Unterhaltung mit Gästen war sehr lebhaft, aberganz eigentümlich; von Gegenseitigkeit war nicht die Rede, er wollte