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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Y. Lehrer und Freunde.

weniger hören als verstanden werden. Es beschäftigte ihn zum Beispieleine bevorstehende Akademierede; die Gedanken dazu ließ er dann vorden Gästen auf tauchen, wie man wohl sieht, daß ein Künstler mit dreioder vier Bällen spielt: immer von neuem flog bald der eine, bald derandere auf, jeder nach der Reihe wurde sicher ergriffen und zuletztzur Seite gelegt. Es war eine mündliche Vorbereitung, wobei der Aus-druck immer treffender wurde.

War so der Weg gebahnt, so wurde der Entwurf geschrieben, sehrrasch, mit breiter Stahlfeder in schöner Schrift aber dann vielmalsumgegossen, überklebt, verbessert. In jeder Fassung liebte er es, dasGeschriebene vorzulesen, nicht etwa Kennern, sondern jederlei Hörern,und es freute ihn, wenn gerade Unkundige ihn verstanden, denen erdann für die Mühe dankte, während eigentlich sie zu danken hatten.

Vom gewöhnlichen Wesen des Professors hatte dieser Forscher nichtsan sich. Er war eine sehr interessante Erscheinung, als Jüngling offen-bar hervorragend schön, mit wunderbar dunkeln Augen und geschwun-genen Brauen. Mit der natürlichsten Anmut bewegte er sich, die alsangeborene Vornehmheit erschien. Einige Heftigkeit mag er wohl früherbesessen haben, aber das war längst überwunden. Fakultätsgesprächeoder -neuigkeiten lagen ihm fern. Nur wo es wichtige Stellen zu be-setzen galt, wahrte er seinen Einfluß und trat dann mit Nachdruckauf. Dekanate scheint er nicht geführt zu haben, Rektorate sicher nicht,denn in seiner Natur lag nichts Genossenschaftliches. Er war er selbst.Für sich wußte er Geschäfte mit Kraft zu führen, aber Formalitäten fürKörperschaften zu erledigen, liebte er nicht. Der Aktuar von der Aka-demie der Wissenschaften, der schüchtern genug zuweilen beim Präsi-denten erschien, kam stets ungelegen, wann immer er erscheinen mochte.Liebig fühlte sich sogar beengt, wenn es galt, einige passende Worteallgemeinen Inhaltes für feierliche Gelegenheiten zu entwerfen undwandte sich dann an seinen Schwiegersohn Carriere mit der Klage:Fürsolche Sachen habe ich keine Phantasie.

Seinen reichen Geist spielen zu lassen, zunächst um seiner selbstwillen, aber doch so, daß andere von ihm lernten und sich an ihmbildeten: das war das Geheimnis seiner Wirksamkeit. Das fühlten auchsehr wohl die Damen, die im Winter 1 853/54 in die damals neuen Vor-träge strömten, die abends in seinem Hörsaale stattfanden. Damals warsogar das vornehme München dort zu sehen,, obgleich der Gegenstandwenig verlockend war. Der Meister trug über Kristallisation vor. Es war