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merkwürdig, wie sein frisches Eingehen auf die Sache alle Hörer milriß;man war entzückt, wenn er schilderte, daß die anorganische Natur diegerade Linie liebt, „aber die organische Natur biegt die gerade Liniekrumm“. Ein geistlicher Zuhörer, Priester aus gräflichem Hause, warso ergriffen, daß er dann Monate lang im Laboratorium die Kunst betrieb,aus Chromalaun große Oktaeder wachsen zu lassen.
An der Südseite seines Hauses, Arcisstraße Nr. i, gegenüber dem be-kannten Eingänge zum Glaspalast, lag damals ein schmaler Garten: Rebenund Aprikosen rankten sich am Spalier hinauf. Dorthin führte er zu-weilen die erwachsenen Mädchen aus der Bekanntschaft, die zufälligalle ähnlich klingende Namen hatten: Lilli, Lullu, Lella. Dann zeigteer ihnen die reifen Früchte, pflückte sie ab, brach sie in zwei Hälftenund schob sie, strahlend vor Vergnügen, den jungen Freundinnen in denMund. Wenn die zärtliche Fütterung vorüber war, küßte er im vollenSonnenschein jede — sagen wir auf die Stirn, und das wurde ohneweiteres hingenommen und erwidert.
Mitunter litt er an Schlaflosigkeit; dann stand er auf und versuchtedies und das, so zum Beispiel Schnitte gerösteten Brotes, die mit Fleisch-extrakt bestrichen wurden. Zuweilen half es, und das freute ihn danndoppelt; zuweilen aber half es nicht, und dann verfiel er nach einigenTagen in üble Stimmung. Aber dann kam bald das Ende des Semesters,und ein erlösendes Ereignis stand bevor: Friedrich Wöhler aus Göttingen hatte sich bereits angemeldet. Und richtig, er kam, der Mann mit demschmächtigen Körper und dem gewaltigen Kopf, der vom Profil gesehenetwas an einen Widder erinnerte, weil sein Kinn stark zurücktrat undsein reicher Haarwuchs sich um die Ohren kräuselte wie die Hörnerdes Jupiter Ammon. Wöhler war der vollendete Gegensatz zu Liebig ;er sprach vorsichtig, behutsam; alles wurde so geräuschlos wie mög-lich abgetan; keine Kraftäußerung sollte sichtbar sein; so schlicht wiemöglich wollte er erscheinen. Er verbarg nicht, daß es ihm fast überallzu kalt war; er legte Gewicht darauf, leichtes und feines Essen zufinden; es freute ihn, wenn man einen Mantel zur rechten Zeit anbotoder einen Schirm, um ihn aus dem Regen zu retten.
Nun waren die beiden alten Freunde zusammen und reisten mitein-ander in die Schweiz (1869); nicht wegen der Landschaft: beiden wardie Landschaft wenig ergiebig. Sie reisten dorthin, weil sie da ungestörtbeisammen sein konnten und suchten sich am Thuner See eine freund-liche Unterkunft mit möglichst wenigen anderen Sommergästen. Die