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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Justus von Liiebig.

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seiner Worte:ich lasse mit mir reden; aber ich vertrage keinen Wider-spruch. Wenn er auf Gegner stieß, die durch Ruhe und Besonnen-heit lästig fielen, pflegte er zu sagen:es mögen gute Leute sein, abersie setzen mir einen .baumwollenen Widerstand entgegen.

Solche Worte gewöhnten sich seine Schüler an, zuerst im Scherz,dann in unbewußter Nachahmung, wie sie ja auch alle sehr bald seineInterjektionen im Munde führten und seine Kunstpausen im Gesprächgebrauchten.

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Wie er nicht der geduldigste Hörer war, so erzählte er auch nichtviel aus seinem reichen Leben, sondern trug meist nur Ideen vor, die ihnaugenblicklich gefangen hielten. Seine ganz verunglückte Schulbildunghat er allerdings in einer unterdrückten Vorrede geschildert, wie er alshoffnungslos imbrauchbar aus dem Gymnasium entlassen wurde nachdem Urteil von Lehrern, die dabei hochverdiente Männer waren undgewiß nur sagen wollten, daß der gescheiterte Schüler nicht für dieGrammatik tauge. Ebenda hat er sein Vaterhaus erwähnt und anerkannt,wie die Vorliebe des Vaters für Präparate ihn angeregt habe und wie derVater auf das damals unerhörte Abenteuer einging, den Sohn nach Bonn und Erlangen zu senden, damit er Chemie studiere. Die Mutter, jeneFrau mit den zarten Händen und dem derben Lebensverstande, stimmtebei und ließ ihn einer unbekannten Zukunft entgegensteuern schwer-lich ahnend, daß die erste Eroberung des siegreichen Jünglings dasHerz eines Dichters sein würde.

In Erlangen lebte damals der Graf August von Platen , der, fast be-rauscht von dem Umgänge mit dem schnell gefundenen Freunde, seineEmpfindungen in ein Sonett ergoß, das allgemein bekannt ist.Ich habeden gefunden, sagt der Dichter, dermich reich ergänzen kann anSein und Wissen. Ein bezeichnender Satz: der Gelehrteste aller Dichterredet hier vom Wissen, das der ungelehrte Freund ihm entgegenbringe;seltsam, aber doch verständlich.

Platen war der Mann der allgemeinen Bildung, seine Dichtung wardas Ergebnis der Kulturarbeit von Generationen: er ist unter dendeutschen Poeten weitaus der gymnasialste. Seine Welt war damals schondie Literatur; später trat die Kunstgeschichte Italiens noch hinzu. MilPlatens Augen sah man Venedig und Rom, ehe Jakob Burckhardt dieFührerstellung übernahm. Eine zarte, sozusagen mitleidende Seele war

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