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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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V. Lehrer und Freunde.

ihm eigen, die sich am Genuß fertiger Kunstwerke nährte. Freilichhat er den Zweig der historischen Lyrik selbständig geschaffen; dennin so wenigen Zeilen, wie er den alternden Karl den Fünften oder 'denjugendlich siechen Otto den Dritten gezeichnet hat, war es vor ihmnie versucht worden. Aber im ganzen war bei ihm die Wucht des un-mittelbaren Schaffens nicht sehr groß. Fast immer ließ er nur denwohllautenden Widerhall vorausgegangener Kunst ertönen. Seine Dich-tung gleicht dem Efeu, der den Schutt verfallener Tempel überspinnt.

Nun fand er einen Freund, der nach dieser Richtung völlig ohneVerdienst und ohne Anprüche war. Da fühlte nun der reizbare Dichterdeutlich, daß sich hier eine mächtige Persönlichkeit auf ganz andererGrundlage emporrang: ein Baum schoß hier aus natürlichem Erdreichauf, mit wildwüchsigem Trieb und der Efeu schlingt sich gern anBäumen empor.

Es konnte für Liebig nicht gleichgültig sein, sich so von dem Trägerhöchster Bildung verstanden zu sehen. Es war nicht üblich, daß er beiDichtern Erholung suchte, aber es kam doch vor, daß er in eine dervielen Schubladen seines Schreibtisches griff: er nahm einige saubervon Platens Hand geschriebene Blätter heraus und las aus der Urschriftdies oder jenes venetianische Sonett vor. Nicht oft hat Liebig eine solcheliterarische Neigung blicken lassen, und es geschah wohl damals nur,weil er seinen Freund feiern wollte. Er fügte den jungen Hörern gegen-über keine Erläuterung hinzu, weshalb ihm diese Gedichte so teuerwaren, und das an ihn selbst gerichtete Sonett Platens hätte er wohlniemals vorgelesen.

Sinn für Kunst, für redende oder bildende, hatte er nicht, wie über-haupt jeder rezeptive Genuß ihm fremd war. Das Nachfühlen war seineSache nicht.

Und doch war er durch und durch in seiner Weise Künstler imedelsten Sinne des Wortes, nur war er es nicht im Genuß, sondern imSchaffen.

Unsere vielgerühmte Gymnasialbildung lehrt im besten Falle geradedie Nachempfindung, allerdings der größten Leistungen, die uns aufliterarischem Gebiete überliefert sind; sie bildet also, wenn sie über-haupt etwas erreicht, wesentlich den Geschmack. Wohl uns, daß siees tut, aber wehe uns, wenn dem Volke nichts anderes geboten 'wird.Wie man im achtzehnten Jahrhundert Hauslehrer wurde, vielleicht garals solcher in fremde Länder ging, so wäre jetzt dem Deutschen die